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Ukraine: Wirtschaften und überleben

Seit dem 1. August ist Anastasia Buchna für sechs Monate Teil unseres Teams im Bereich Kommunikation & Change. Anastasia stammt aus der Region Priazovya, Ukraine, und musste nach der russischen Besetzung mit ihrem neunjährigen Sohn und ihrer Mutter aus ihrer Heimat fliehen.

Sie ist Journalistin und war in ihrer Heimatstadt Berdyansk als Herausgeberin verschiedener Tageszeitungen tätig. Bei uns wird Anastasia über die Situation in ihrer Heimat berichten und dafür ihre Netzwerke vor Ort nutzen. Schwerpunkt wird die Landwirtschaft und die Lage von Genossenschaften im besetzten und unbesetzten Teil der Ukraine sein. Dabei wollen wir persönlich werden und Menschen aus der Ukraine zu Wort kommen lassen.

Die ersten Wochen in unserem Team hat Anastasia genutzt, um Geschichten zu recherchieren. Erstes Ergebnis ihrer journalistischen Arbeit ist ihre Geschichte über eine Organisation von rund 200 Frauen, die zu großen Teilen genossenschaftlich organisiert sind und deren Felder auf beiden Seiten der Frontlinie liegen. Wir wünschen eine interessante Lektüre dieses Artikels und aller anderer in loser Folge erscheinenden Inhalte dieser Seite.

Solidarität mit der Ukraine zeigte die diesjährige EuroTier in Hannover, die mit über 100.000 Besucher*innen aus 141 Ländern eine der weltweit führenden Fachmessen für die Viehwirtschaft ist. Von jeder verkauften Eintrittskarte geht ein Euro an die ukrainische Hilfsorganisation Save UA, gegründet von dem ukrainischen Genossenschaftler Andriy Dykun.

Unter dem Titel "Kampf für die ukrainische Viehwirtschaft“ befasste sich eine große Konferenz auf der Messe auch mit dem Wiederaufbau des ukrainischen Agrarsektors. Verantwortlich für die Konferenz waren zum einen der Messerveranstalter, das ist die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), sowie der Deutsch-Ukrainische Agrarpolitische Dialog, der vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird. Vertreter*innen des ukrainischen Ministeriums für Agrarpolitik, der großen ukrainischen Agrarverbände sowie des deutschen Landwirtschaftsministeriums sprachen über die Herausforderungen für den ukrainischen Tierhaltungssektor. Gemeinsam mit Experten suchten sie Antworten auf die Fragen: Welche dramatischen Folgen hat der russische Angriffskrieg für die ukrainische Viehwirtschaft? Wie kann eine nachhaltige Erholung erreicht werden?

Vertreter*innen des ukrainischen Ministeriums für Agrarpolitik beziffern die Verluste im ukrainischen Agrarsektor auf fast 40 Milliarden Dollar, wovon sich die direkten Verluste auf 6,6 Milliarden Dollar belaufen. Dabei handelt es sich um zerstörte oder gestohlene Landmaschinen, zerstörte Bauernhöfe, Geflügelfarmen und andere Produktionsanlagen. "Wie viele von Ihnen haben schon Tausende von Hühnern gesehen, die auf der Suche nach Futter in einer zerstörten Geflügelfarm herumlaufen? Oder verängstigte Kühe, die durch die Wälder und Felder irren? Leider ist das in der Ukraine der Fall", informierte Mariya Yaroshko, Projektleiterin des Deutsch-Ukrainischen Agrarpolitischen Dialogs.

Taras Vysotskyi, Erster Stellvertretender Minister für Agrarpolitik und Ernährung der Ukraine, der sich per Video zugeschaltet hatte, bestätigte, dass nach vorläufigen Schätzungen 15-20 Prozent der Rinder, Schweine und des Geflügels durch den russischen Angriffskrieg verloren gegangen seien. Die Bauernhöfe kämpften um ihre Existenz und müssten bei Null anfangen und ihre Wirtschaft neu aufbauen. Die Betriebe in den Kampfgebieten hätten praktisch keine Chance, sich zu erholen. Der Minister lobte die Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Landwirte trotz des Krieges und die große Unterstützung durch die deutsche Regierung. Viele Landwirte wünschten sich eine stärkere internationale Zusammenarbeit mit den EU-Ländern, insbesondere mit Deutschland.

Deutschland sagt weitere Unterstützung zu

Ophelia Nick, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, sicherte der ukrainischen Landwirtschaft weitere Unterstützung zu, zumal die Ukraine ein verlässlicher Partner für die Welternährung sei. Der Krieg habe gezeigt, wie wichtig die Ukraine als zuverlässiger Produzent von Agrarprodukten für Europa und die Welt sei. So stellt die Bundesregierung bereits zusätzliche Mittel für den Kauf von Tierarzneimitteln für den ukrainischen Viehbestand und für die Wiederherstellung der Produktion bereit. Europa sei sehr daran interessiert, neue Wege für den Export von landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus der Ukraine zu finden und zu entwickeln, sagte sie.

Andriy Dykun, Leiter eines der größten ukrainischen Verbände "Ukrainian Agri Council" und Geschäftsführer der landwirtschaftlichen Genossenschaft "PUSK" sowie Gründer der Wohltätigkeitsorganisation SAVE UA, forderte die internationale Gemeinschaft zu weiterem Druck auf Russland auf. Der Getreidekorridor durch das Schwarze Meer müsse um jeden Preis offengehalten werden. Laut Dykun können die ukrainischen Landwirte die Frühjahrsaussaat nicht durchführen, wenn sie keine Absatzgarantie für ihre Produkte haben, zumal die inländischen Getreidepreise aufgrund der begrenzten Exportmöglichkeiten stark gesunken sind.

Die Viehzucht ist für die Ukraine heute sehr wichtig

"Der Krieg hat gezeigt, wie wichtig es ist, Produkte mit hohem Mehrwert zu produzieren. Die Viehzucht bietet diese Möglichkeit", sagte Dykun. Neben dem ständigen Bombardement und der Notwendigkeit, Gebiete zu entminen, sind langfristige Stromausfälle in den Betrieben zu einem der drängendsten Probleme geworden. Dies ist die Folge der russischen Raketenangriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine. Die ukrainische Vizeministerin für Agrarpolitik Olena Dadus bat ihre deutschen Kolleg*innen deshalb um Unterstützung, zum Beispiel mit Generatoren.

Fast alle Redner*innen betonten, dass der Wiederaufbau des Agrarsektors nach dem Krieg eine Chance für die Ukraine sei, einen nachhaltigen, umweltfreundlichen Viehzuchtsektor aufzubauen, der in die EU integriert werden und deren Standards erfüllen könne. Gleichzeitig forderte Elena Dadus die europäischen Regierungen und Landwirte auf, die ukrainischen Kollegen nicht als Konkurrenten auf dem europäischen Markt zu betrachten.

Marshallplan für den ukrainischen Agrarsektor

Im Rahmen der EuroTier-Messe fand auch ein Runder Tisch zum Thema "Marshallplan für den Agrarsektor der Ukraine" statt. Die Vertreter*innen der ukrainischen Landwirtschaftsverbände sprachen sich dafür aus, Investitionen in den Agrarsektor nach dem Krieg Priorität einzuräumen. Auch der "Ukrainische Agrarkulturrat" und der "Verband der Milcherzeuger" stellten ihre Vision eines Marshallplans für den Wiederaufbau des Milchsektors in der Ukraine in einem Drei-Punkte-Plan vor:

  • Unterstützung der ukrainischen Erzeuger während der aktiven Phase des laufenden Krieges. Dazu gehört die finanzielle Unterstützung von Unternehmen in den befreiten Gebieten bei der Reparatur beschädigter Anlagen und zerstörter Ausrüstung sowie beim Kauf von Tierarzneimitteln und Generatoren.
  • Projekte der technischen Hilfe, Wiederaufbau von landwirtschaftlichen Betrieben, Entminung von landwirtschaftlichen Flächen und Kauf von Zuchtvieh.
  • Investitionen in die Entwicklung von Verarbeitungsbetrieben und Genossenschaften.

Die ukrainischen Landwirte waren auch sehr an den Erfahrungen der Genossenschaftsbewegung in Deutschland interessiert. Schließlich führe die Zusammenarbeit in einer Genossenschaft zu einer rentableren Nutzung der Ressourcen und mehr Möglichkeiten der Verarbeitung. Das Wichtigste für sie und die Investoren sei jedoch, in Sicherheit arbeiten zu können. Das hinge jedoch maßgeblich von einem Sieg der Ukraine ab und von Garantien, dass ein Angriff Russlands sich nicht wiederhole.

Die landwirtschaftlichen Flächen der Ukraine sind von existenzieller Bedeutung für die Welternährung. Durch den russischen Angriffskrieg auf das Land sind nun weite Gebiete durch Minen und wahrscheinlich explosive Granaten verseucht. Die Menschen, die auf den landwirtschaftlichen Flächen arbeiten, sind deshalb in tödlicher Gefahr. So werden immer wieder in den Medien Fotos von zerstörten Traktoren und Mähdreschern sowie Berichte über tote Landarbeiter*innen veröffentlicht. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums müssen rund 130.000 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums allein von Minen geräumt werden. Experten schätzen, dass die Entminung und Räumung des Geländes etwa zehn Jahre dauern wird. Die Kosten dafür werden auf etwa 2 Milliarden Euro geschätzt.

Seit Kriegsbeginn wurden in der Ukraine bereits mehr als 274.000 explosive Objekte geräumt, darunter laut dem Staatlichen Katastrophenschutzdienst der Ukraine „mehr als s 2.000 Fliegerbomben". Die Minenräumer arbeiten jeden Tag in Gebieten, in denen entweder aktiv gekämpft wurde oder die beschossen wurden. Das sind die Regionen nahe der aktuellen Frontlinie oder die, die aktuell von der ukrainischen Armee befreit wurden. Die Minensucher konzentrieren sich dabei zuerst auf öffentliche Plätze und Wohngebäude, anschließend dann auf die landwirtschaftlichen Betriebe, vermessen die potenziell verminten Flächen und räumen die Felder. Dabei stehen sie unter hohem Arbeits- und Zeitdruck und in vielen Regionen unter ständigem Beschuss.

Findet oder vermutet ein Landwirt auf seinem Gelände Reste von Minen oder Munition, kann er auf dem Internetportal military.feodal.online des Ministeriums für Agrarpolitik In der Ukraine einen Antrag auf Minenräumung stellen. Spezialisten des staatlichen Notdienstes oder von zertifizierten Minenräumern bearbeiten die Anträge und stellen sie zur Bearbeitung in eine Warteschlange. Doch leider warten nicht alle Landwirte, bis sie an der Reihe sind. Sie arbeiten trotz der Gefahren weiter, lassen sich auf nicht genehmigte Minenräumungen ein und bezahlen dies mit ihrem Leben. Staatliche Organisationen, Rettungsdienste und Freiwillige warnen daher auf Feldern und Äckern zu arbeiten, die noch nicht vermessen oder geräumt wurden.

Die Minenräumung in der Ukraine wird international von den USA, Kanada, dem Vereinigten Königreich und europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, finanziert. Diese Hilfe umfasst Gelder, Ausrüstung, Schutzausrüstung für die Minenräumer und Schulungen. Die ukrainischen Landwirte wiederum helfen den Minenräumern mit Treibstoff und Lebensmitteln.

Je schneller die Minenräumungen auf den landwirtschaftlichen Flächen geschehen, desto besser ist dies für die wirtschaftliche Sicherheit der Ukraine. Denn nach der Zerstörung der ukrainischen Industrie ist der Agrarsektor mit seinen Exporten die wichtigste Einnahmequelle des Landes.

Fotoquelle: Staatlicher Notdienst der Region Dnipro

Felder in der Region Charkiw in der Ukraine nach russischem Beschuss. Die Einschlagslöcher sind deutlich zu sehen.

Interaktive Karte über verminte Regionen, die untersucht und geräumt werden müssen. Eine vom Staatlichen Notfalldienst der Ukraine entwickelte mobile App warnt, wenn man sich einem dieser Gebiete nähert.

Sorge um das Getreideabkommen zwischen der Ukraine und Russland und damit um die Welternährung: Das russische Verteidigungsministerium hatte das Abkommen kurzfristig vom 29. Oktober bis 2. November ausgesetzt. Grund hierfür sind nach russischen Angaben ukrainische Angriffe aus dem Getreidekorridor bei Odessa auf die russische Schwarzmeerflotte. Die Russen behaupten, dass die Angriffe auf ihre Kriegsschiffe von ukrainischen zivilen Schiffen aus der Getreide-Korridor-Zone ausgeführt worden seien. Außerdem macht Russland die Ukraine für Explosionen im besetzten Sewastopol auf der Krim verantwortlich. Die ukrainische Regierung bestreitet dies und beschuldigt die russischen Besatzer, von ihren Kriegsschiffen Kalibr-Raketen auf ukrainische Städte abzufeuern.

Am 30. Oktober blockierte Russland 218 ukrainische Schiffe, die an der "Getreideinitiative" beteiligt waren. Darunter war auch das Schiff IKARIA ANGEL mit einer Ladung von 40.000 Tonnen Getreide für Äthiopien. Das Land steht am Rande einer Hungersnot. Parallel bot Russland an, bis zu 500.000 Tonnen Getreide kostenlos an bedürftige Länder zu liefern. Das ist zynisch, weil Russland dieses Getreide aus der Ukraine stiehlt.

Gleichzeitig versuchten die russischen Streitkräfte, die ukrainischen Exporte weiter zu verhindern. Sie griffen nach Angaben des ukrainischen Militärs die Infrastruktur des ukrainischen Hafens Otschakow in der Region Mykolajiw an. So wurden am 31. Oktober zwei zivile Hafenschlepper, die einen mit Getreide beladenen Lastkahn in die See schleppen sollten, beschossen. Dabei wurden unter anderem zwei Besatzungsmitglieder getötet und eines verwundet.

UNO pocht auf Einhaltung des Getreideabkommens

Trotz der einseitigen russischen Aufkündigung des Getreide-Korridor-Abkommens verließen am 31. Oktober und 1. November weiterhin Schiffe mit dem Getreide den Hafen von Odessa. Denn die UNO, die Türkei und die Ukraine hatten am 31. Oktober einen Korridorplan für 16 Schiffe verabredet, die in die türkischen Gewässer einfahren durften. Die Türkei gab hierfür Sicherheitsgarantien ab. Russland wurde hierüber lediglich informiert. Außerdem erklärte der UN-Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten, Martin Griffiths, dass die Schwarzmeer-Korninitiative trotz Russlands Ausstieg in Kraft bleibt.

Die UNO bezeichnete ihre Maßnahmen als "vorübergehend und als Notfall". Am 2. November stoppten die Ukraine, die Türkei und die UNO jedoch vorübergehend den Schiffsverkehr im Getreidekorridor und nahmen über die Türkei Verhandlungen mit Putin auf. Dabei gab die Türkei Sicherheitsgarantien für künftige ukrainische Getreideexporte ab. Außerdem überzeugte der

türkische Präsident Erdogan seinen russischen Amtskollegen Putin davon, sich wieder an das Abkommen zu halten. Die UNO hatte Putin unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass der Getreidekorridor funktionieren muss.

Am 2. November schließlich erklärten Putin und sein Verteidigungsministerium, sie hätten genügend Sicherheitsgarantien von der Ukraine erhalten, so dass Russland seine Beteiligung am Getreidekorridor wiederaufnehmen könne.

Wie Putin Getreide als Waffe einsetzt

Dies war nicht der erste Versuch Russlands, das Getreideabkommen zu Fall zu bringen und Unsicherheit und Angst in der Welt zu verbreiten. Russland hatte wiederholt damit gedroht, wegen angeblicher ukrainischer Vertragsbrüche aus dem Abkommen auszusteigen.

So hatte Putin Anfang September behauptet, dass die Ukraine ihre landwirtschaftlichen Produkte bevorzugt in das reiche Europa verschiffen würde. Nur drei Prozent der Export wurden die ärmsten Länder der Welt erreichen. Die Ukraine widersprach und legte Zahlen vor, nachdem ein Viertel des ukrainischen Getreides in die Entwicklungsländer geliefert wurde. Putin behauptete außerdem, dass die Ukraine Sprengstoff über den Getreidekorridor verschickt hätte, um die Kertsch-Brücke zwischen der Ukraine und der Krim zu bombardieren. Auch als die UN den Einsatz iranischer Drohnen bei Angriffen auf ukrainische Städte untersuchen wollte, drohte Putin, das Getreideabkommen kündigen. Diese Beispiele zeigen deutlich, wie massiv Putin das Getreide als Waffe einsetzt.

Drei Fakten zum Getreidekorridor

  • Nach Angaben der ukrainischen Regierung wurden in den drei Monaten der "Getreide-Initiative" 422 Schiffe mit 10 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse exportiert. Die Schiffe liefen aus den ukrainischen Häfen Odessa, Tschernomorsk und Pivdennyy aus.
  • Insgesamt wurden 220.000 Tonnen Weizen im Rahmen des UN-Ernährungsprogramms in bedürftige Länder verschifft.
  • Das Abkommen für den Getreidekorridor über ukrainische Seehäfen endet am 22. November. Die Ukraine und die internationale Gemeinschaft wollen den Getreidekorridor weiter geöffnet halten. Aber was wird Russland dazu sagen?

Ein Schiff für den Getreidetransport (Bildquelle: Ministry of Infrastructure of Ukraine)

Oleksij Wadaturskyj, einer der größten Getreidehändler der Ukraine, hat gewaltsein sein Leben verloren. Zusammen mit seiner Frau wurde er am 31. Juli 2022 von Granaten in seinem Haus in Mykolajiw getötet. Der 74-Jährige war Gründer und Generaldirektor von Nibulon, dem größten ukrainischen Agrarunternehmen. Dieses ist auf die Produktion und den Export von Weizen, Gerste und Mais spezialisiert und exportierte vor dem Krieg zehn Prozent des gesamten ukrainischen Getreides in 70 Länder. Wadaturskyj stand auf Platz 24 der ukrainischen Forbes-Liste, sein Finanzkapital wurde auf 430 Millionen US-Dollar geschätzt. Wegen seines herausragenden persönlichen Engagements für die Agrarwirtschaft wurde er 2007 mit dem Titel „Held der Ukraine“ ausgezeichnet. Der Tod von Wadaturskyj gilt als schwerer Verlust für die ukrainische Getreidepolitik und -strategie.

Putin greift gezielt Getreide-Infrastruktur an

Wadaturskyj ist nicht das einzige Opfer der Russen aus dem Agrarsektor. Viele Landarbeiter*innen wurden bereits von Granaten bei der Feldarbeit getötet oder von Landminen in Stücke gerissen.

Der russische Machthaber Putin droht ständig damit, wichtige politische Entscheidungszentren, wie die ukrainische Regierung in Kiew, anzugreifen. Mit dem Angriff auf Mykolajiw, das noch nicht von den russischen Truppen eingenommen werden konnte, holte Putin Ende Juli zum Schlag gegen ein bedeutendes Getreide- und Logistikzentrum aus. Und dies genau zu dem Zeitpunkt, als Oleksij Wadaturskyj nach neuen Wegen suchte, Getreide aus der Ukraine wieder in den Westen und Osten der Welt zu exportieren.

Wadaturskyj sollte in die Türkei reisen, um über den Export von Getreide aus den Häfen des Schwarzen Meeres und des Asowschen Meeres zu verhandeln. Viele Menschen trauten ihm hier revolutionäre Lösungen zu. Der Geschäftsmann unterstützte auch die ukrainische Armee und stand deshalb auf der Sanktionsliste Russlands. Inzwischen haben die russischen Besatzer auch seine Lager und Korn-Silos in den besetzten und illegal annektierten Gebieten übernommen.

„Menschen wie er, mit solchen Unternehmen in unserem ukrainischen Süden, haben die Ernährungssicherheit der Welt garantiert. Das war schon immer so. Und so wird es wieder sein“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij über Oleksij Wadaturskyj.

Nibulon-Chef baute Flussschifffahrt wieder für den Export auf

Wadaturskyj setzte seine Ideen tatkräftig um. So erweckte er beispielsweise vor einigen Jahren die Flussschifffahrt wieder zum Leben. Das zahlt sich nun in Kriegszeiten, in denen ukrainische Häfen beschossen werden, besetzt oder zerstört sind, sehr aus. Wie seine Mitarbeiter*innen erzählen, hatte Wadaturskyj auch bereits entschieden, einen neuen Verladeterminal an der Donau zu bauen.

Doch der Agrarproduzent und -händler war nicht nur finanzstark und ideenreich, sondern auch politisch sehr einflussreich. Auch auf diese Weise konnte er viele Projekte erfolgreich umsetzen.

Um das Profil von Nibulon als führendes Unternehmen in der Flussschifffahrt zu schärfen, wartete Wadaturskyj mit großen Projekten auf. Diese waren zwar teilweise für das Unternehmen unrentabel, wurden aber erfolgreiche Werbe- und Sozialaktionen. So gab es viel Medienbeachtung, als Wadaturskyj beispielsweise Wassermelonen aus der Region Cherson auf dem Fluss nach Kiew verschiffen ließ.

Und natürlich war er einer der einflussreichsten Menschen in der Region Mykolajiw, wo er lebte und starb. Mit Ausbruch des Krieges blieb er in seiner Heimatstadt Mykolajiw und unterstützte die Stadt und ihre Bewohner*innen.

Sohn hat die Nachfolge bei Nibulon angetreten

Andriy Wadatursky hat inzwischen die Nachfolge seines Vaters als CEO von Nibulon angetreten und seine erste öffentliche Erklärung abgegeben. So berichtet er, dass der Krieg Nibulon nicht nur seines Gründers beraubt hat, sondern auch den Betrieb des Unternehmens stark beinträchtigt. Produktions-, Logistik- und Exportkapazitäten sind erheblich in Mitleidenschaft gezogen. 20 Prozent der Anlagen des Konzerns sind von den russischen Machthabern besetzt, das Exportvolumen ist stark zurückgegangen. Außerdem haben sich die Transportkosten für die Landwirte verzehnfacht. Dies hat ihre Gewinne geschmälert und die Preise für den Endverbraucher in die Höhe getrieben.

Wadatursky will die Pläne seines Vaters fortsetzen. So ist bereits die erste Bauphase des neuesten Terminals in Izmail an der Donau abgeschlossen. Ziel ist es, durch dieses Logistikzentrum unabhängiger von den Schwarzmeerhäfen zu werden, die seit langem blockiert sind. Um das Management von Nibulon zu unterstützen, hat Andriy Vadaturskyy außerdem einen internationalen Beirat rekrutiert. „Niemals aufgeben“, so die Devise des verstorbenen Firmengründers, wird auch das Credo des neuen Chefs von Nibulon sein.

Bildquelle: Konzern Nibulon

Oleksij Wadatursky gründete Nibulon 1991 mit ungarischen und britischen Investoren. In 30 Jahren hat der Agrarkonzern eine einzigartige Infrastruktur für die Getreidelogistik in der Ukraine geschaffen. Nibulon ist eine der vier größten Reedereien der Ukraine und Marktführer nicht nur in der Ukraine, sondern auch in der Schwarzmeerregion. Seit 2008 beteiligt sich Nibulon am UN-Welternährungsprogramm (WFP). Das Unternehmen lieferte landwirtschaftliche Produkte nach Pakistan, Äthiopien, Bangladesch, Kenia, Mauretanien, Jemen und in andere Länder. Nibulon hat 27 Umschlagterminals und Zentren für die Annahme, Lagerung und den Versand von Getreide und Ölsaaten sowie 445 Getreidesilos, die größte Anzahl in der Ukraine.

Große Probleme für das Wirtschaften der Landwirte

Die Landwirtschaft in der Ukraine ist in einer schwierigen Lage. Landwirte, die in relativ sicheren Gebieten arbeiten, haben Probleme, ihre Ernte zu verkaufen und zu lagern. Außerdem steigen die Preise für Treibstoff und Düngemittel ständig an. Zusätzlich müssen die Landwirte in den Frontgebieten täglich mit militärischem Beschuss und totaler Zerstörung ihrer Betriebe und Produktion rechnen. Doch die Landwirte, die in den Regionen wirtschaften, die von Russland illegal annektiert wurden, stehen noch vor viel größeren Problemen.

Etwa 20 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen sind seit Kriegsbeginn bereits in russischer Hand. Sie liegen in traditionellen Agrarregionen wie Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk. Durch die Annexion dieser Gebiete hat Russland nun deren landwirtschaftliche Produktion vollständig und widerrechtlich übernommen.

Noch im Frühjahr hatten die ukrainischen Bauern optimistisch in den heute annektierten Regionen ihr Saatgut auf den Feldern ausgebracht. Denn sie hofften, ihre Ernte in einer bereits befreiten Ukraine einfahren zu können. Doch sie haben sich geirrt, der Krieg dauert immer noch an und die Ernte fällt jetzt in die Hände der Besatzer.

Mit der Ernte, vor allem dem Getreide und Ölsaaten, betreibt Russland Piraterie, stiehlt sie und verschifft sie illegal über die Weltmeere und verkauft sie zu hohen Preisen auf dem Weltmarkt. Gleichzeitig hat Russland mit allen Mitteln versucht, den legalen Export des Getreides und der Ölsaaten über den Seeweg zu verhindern. Außerdem hat die russische Besatzung den ukrainischen Landwirten verboten, landwirtschaftliche Erzeugnisse in freie ukrainische Gebiete zu exportieren und dort zu verkaufen. Die Ukraine reagiert auf all das, indem den Verkauf von Getreide und Ölsaaten an russische Firmen oder russische staatliche Einrichtungen verboten hat. Gleichzeitig betrachtet sie die Zusammenarbeit mit der russischen Besatzungsverwaltung als Kollobaration und als Straftatbestand nach ukrainischem Recht: Die ukrainischen Landwirte stehen also vor einem unlösbaren Dilemma.

Landwirte zur Zusammenarbeit gezwungen

Nach der Annexion transportieren die Russen nun illegal so viel ukrainisches Getreide wie möglich ab. Außerdem planen sie die Enteignung von ukrainischen Landwirtschaftsbetrieben und zwingen die örtlichen Landwirte zu kollaborieren. So wurde in der Region Charkiw, die kürzlich von ukrainischen Truppen geräumt wurde, die Eigentümerin mehrerer landwirtschaftlicher Betriebe von den Russen verhaftet. Wie die Ermittlungen des ukrainischen Sicherheitsdienstes ergaben, hatte sie eine Vereinbarung mit den Besatzern getroffen: Sie sollte 70 Prozent ihrer Ernte an die Besatzungsbehörden abliefern. Im Gegenzug erlaubten ihr die Besatzer, das Ackerland und die landwirtschaftlichen Geräte anderer Höfe zu beschlagnahmen, die nicht mit dem Feind zusammenarbeiten wollten. Die Besatzer ernannten sie zur Leiterin einer örtlichen Bauernorganisation und erlaubten ihr, die "externe Verwaltung" des Vermögens anderer Bauernhöfe zu übernehmen.

Hier handelt es sich um ein typisches Beispiel: In den besetzten Gebieten können Landwirte, die kooperieren, belohnt werden. Sie erhalten dann Posten in der russischen Besatzungsverwaltung, Land, Maschinen und andere Vermögenswerte ihrer ehemaligen Kollegen oder Konkurrenten. Manchmal werden Landwirte auch zu Informanten und liefern Informationen über Konkurrenten, zum Beispiel über Personen mit einer aktiven pro-ukrainischen Haltung. Leider gibt es diese Fälle in allen besetzten Gebieten.

Fliehen oder mit den Besatzern leben?

Landwirte, die mit dem russischen Feind kollaborieren, gelten als Verräter. Aber ist es wirklich so einfach? Denn in Wirklichkeit ist für Ukrainer und Ukrainerinnen nahezu unmöglich, Angebote von Besatzern, die mit Maschinengewehren vor ihnen stehen, abzulehnen.

Die Alternative ist die Flucht, um das das eigene Leben zu retten. Aber was geschieht dann beispielsweise mit dem Vieh, den vielen Kühen, Schafen und Schweinen? Wer füttert sie? Was ist mit der Verantwortung für die eigenen Arbeiter und Angestellten auf den Höfen? Für viele Landwirte ist die Entscheidung mehr als schwierig.

Andriy Dykun ist Leiter einer großen Genossenschaft und des ukrainischen Landwirtschaftsrats, einer Nichtregierungsorganisation für die Rechte der Landwirte. Vor dem Krieg hatte seine Genossenschaft 1.100 Mitglieder, von denen im September noch 300 landwirtschaftliche Mitgliedsbetriebe in den besetzten Gebieten waren. Einige der Eigentümer waren gezwungen worden, ihr Land zu verlassen und ihre Häuser und Betriebe aufzugeben. Andere blieben in den besetzten Gebieten, um zu verhindern, dass ihre Betriebe dort verwaisen und an die Russen fallen. Inzwischen hat die Plünderung vieler verlassener Höfe in den besetzten Gebieten begonnen: Die Russen stehlen nicht nur Getreide und Maschinen, sondern auch persönliches Eigentum. "Alle, die dort geblieben sind, werden mit vorgehaltener Waffe gezwungen, ihre Betriebe umzumelden und mit den Kollaborateuren zusammenzuarbeiten", bestätigt Andriy Dykun.

Die Besatzungsverwaltungen versuchen gemeinsam mit dem russischen Militär, den agroindustriellen Bereich nach russischen Gesetzen und Modellen aufzubauen und behaupten deshalb, rechtmäßig zu agieren. Auf eigens einberufenen Treffen erklären die Russen den ukrainischen Landwirten auch, dass sie verpflichtet sind, sich registrieren zu lassen und Steuern zu zahlen, und bieten ihnen Kredite von russischen Banken an. In Wirklichkeit versuchen die Russen so, Informationen über die Landwirte, ihren Besitz und ihre landwirtschaftlichen Geräte zu erfahren, um sie für ihre militärischen Operationen nutzen zu können. Oft verstecken die Russen ihre militärische Ausrüstung in Bauernhöfen und Getreidespeichern. Nur in seltenen Fällen geben die Bauern hierzu freiwillig ihr Einverständnis.

Die ukrainischen Behörden empfehlen den ukrainischen Landwirten, landwirtschaftliche Erzeugnisse nur an ukrainische Unternehmen und ukrainische Staatsbürger zu verkaufen und als Bezahlung gegebenenfalls auch Sachleistungen zu akzeptieren. So zahlen beispielsweise die Mitglieder ländlicher Kreditgenossenschaften in den besetzten Gebieten ihre Schulden bei den Einlegern auf diese Weise zurück.

Da Lagerkapazitäten in der Ukraine nicht ausreichend vorhanden sind, können viele Bauern ihre Ernten nicht lagern und so auf bessere Zeiten hoffen: Die russischen Besatzer zwingen die Landwirte, entweder schnell zu einem niedrigen Preis zu verkaufen oder ihren Besitz einfach aufzugeben. "Ich weiß von Fällen, in denen einem Bauern ein Maschinengewehr an die Schläfe gehalten wurde, bis er sich bereit erklärte, sein Getreide zu verkaufen. Einem anderen Bauern wurde sein Sohn weggenommen - als Warnung für den Fall, dass er sich weigert, mitzuarbeiten. Was bleibt ihm dann übrig?", sagt Stanislav Zakharevich, Bürgermeister einer ukrainischen Dorfgemeinde in den besetzten Gebieten.

Andriy Dykun, Leiter der Kooperative, setzt sich dafür ein, dass alle Landwirte, die in den besetzten Gebieten sind, nicht automatisch als Verräter gelten. Seine Organisation wie auch andere Bauernverbände lobbyieren dafür bei ukrainischen Parlamentariern. Diese haben es jedoch nicht eilig, hier ein neues Gesetz zu beschließen, weil sie den russischen Machthabern nicht in die Hände spielen wollen. Dykun: "Wir hoffen, dass das ukrainische Parlament ein Gesetz verabschiedet, nach dem landwirtschaftliche Tätigkeiten in den besetzten Gebieten grundsätzlich nicht als Kooperation gelten. Denn wenn ein Landwirt gezwungen wird, sich zu registrieren und Steuern an die russischen Behörden zu zahlen, muss er das natürlich tun, um sein Leben zu retten“, sagt er. Aber natürlich sei es Kolloboration, wenn ein Landwirt freiwillig seine Maschinen für militärische Zwecke zur Verfügung stellt. Außerdem meint er: „Wenn ein Landwirt im besetzten Gebiet nur sein Land bewirtschaftet und seinen Angestellten Löhne zahlt, hat das nichts mit Kolloboration zu tun.“ Und er warnt: „Was würde passieren, wenn alle Bauern die besetzten Gebiete verlassen würden? Es wäre ein leeres Land."

Die die landwirtschaftlichen Betriebe in Frontlinie müssen ständig damit rechnen, dass ihre Felder, Höfe und Maschinen durch militärische Angriffe der Russen zerstört werden. Hier das Foto eines zerbombten Lkw in der Region Cherson. Bildquelle: Misu

Die Russen setzen die ländliche Bevölkerung massiv unter Druck und zwingen sie - oft mit vorgehaltenem Maschinengewehr - zur Zusammenarbeit. Bildquelle: KKF

Als Teil ihrer Propaganda-Strategie versucht die russische Regierung ihren Bürger*innen den Angriff auf die Ukraine und die Annexion besetzter Gebiete auch mit wirtschaftlichem Gewinn zu erklären. So rechnete Sergej Nasarow, stellvertretender Leiter des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation, öffentlich vor, dass die Angliederung ukrainischer Regionen an Russland die Getreideproduktion um 10 Prozent steigern könnte.

Obwohl die Annexion der besetzten ukrainischen Gebiete durch ein gefälschtes Referendum erst im September besiegelt wurde, sollen die Russen nach vielen Zeugenaussagen schon viel früher damit begonnen haben, Getreide aus den eroberten ukrainischen Gebieten zu annektieren.

Bereits im April meldeten die ukrainischen Behörden und Agrarunternehmer die Beschlagnahmung von Getreidespeichern ukrainischer Händler sowie den Diebstahl von Getreide bei den Bauern. Die russischen Besatzer erließen außerdem Dekrete zur Verstaatlichung des Eigentums von Getreidehändlern. So wurde das Getreide den Bauern in vielen Fällen gewaltsam weggenommen oder für wenig Geld aufgekauft.

Zur gleichen Zeit beobachteten die Bewohner*innen der besetzten Regionen Saporischschja und Cherson, wie ganze Kolonnen von russischen Lastwagen – beladen mit Getreide und Sonnenblumen und eskortiert von russischen Soldaten– auf den Straßen in Richtung Krim fuhren. Um die Abfertigung der Lkw am Zugang zur Halbinsel Krim zu beschleunigen, errichtete die Verwaltung der Halbinsel sogar weitere Checkpoints.

Auch auf dem Schienenweg wurde ukrainisches Getreide auf die besetzte Krim gebracht, und zwar über die Stadt Melitopol, die von den Russen zum Verwaltungszentrum der besetzten Region Saporischschja erklärt wurde.

Die ukrainischen Kollaborateure in den besetzten Gebieten machen keinen Hehl daraus, dass sie mithelfen, ukrainisches Getreide illegal zu exportieren. So gab der ukrainische Überläufer Jewhen Balizkij, inzwischen Leiter eines Teils der besetzten Region Saporischschja, der Presse die Auskunft: "Etwa 100.000 Tonnen (ukrainisches) Getreide werden über den kommerziellen Seehafen von Berdjansk exportiert. Vier große Schiffe stehen auf der Reede bereit, um beladen zu werden. Der Export erfolgt auch über den Schienenverkehr. Mehr als 100 Waggons sind bereits verschifft worden, inzwischen wurde ein weiterer Vertrag über 150 Tausend Tonnen Getreide abgeschlossen." Da staatliche russische Unternehmen legal kein ukrainisches Getreide aufkaufen dürfen und ihnen dann Sanktionen drohen, wenden sie eine neue Taktik an: nämlich den Kauf von Getreide über eine eigens gegründete Getreidegesellschaft. Auf diese Weise versuchen die Besatzer auf jede erdenkliche Weise, die Bauern zur Zusammenarbeit und zum Verkauf ihrer Erzeugnisse an sie zu bewegen. Unter anderem schlagen sie den Bauern vor, ihr Getreide an die Getreidesilos, Lager und Terminals der wenigen kooperierenden Bauern zu verkaufen, oder sie enteignen die Getreidesilos und Lager selbst großer Unternehmen wie Nibulon

Dabei bieten sie den Landwirten Preise auf niedrigstem Niveau. Da die Bauern ihre Ernten aus den besetzten Gebieten nicht im freien ukrainischen Landesteil verkaufen dürfen, haben sie keine Alternative.

Gestohlenes ukrainisches Getreide wird meist über Türkei verschifft

So gestohlenes ukrainisches Getreide wird auf Schiffe verladen, die in den Häfen von Sewastopol und Kertsch (Krim, Ukraine) beladen werden. Um Herkunfts- und Zielhafen zu verschleiern, haben die Schiffe deaktivierte Peilsendern und fahren auf dem Seeweg beispielsweise in die Türkei und weiter. Die falschen Transportpapiere suggerieren jedoch, dass es sich um russisches Getreide handelt, das in den russischen Häfen Kavkaz und Novorossiysk aufgeladen wurde.

Neben der Krim verschiffen die Russen das Getreide seit Kriegsbeginn auch aus Seehäfen in eroberten Gebieten, zum Beispiel aus Berdjansk in der Region Saporischschja. Dafür nutzen sie die Terminals mehrerer großen Hafenbetreiber, die vor dem Krieg mit Getreide handelten.

Mindestens ein Fall, bei dem Schiffe Getreide aus dem Hafen von Berdjansk gestohlen hatten, führte beinahe zu einem internationalen Skandal. Im Juni veröffentlichten die ukrainischen Kolloborateure in ihren Medien ein Video und berichteten über die Verschiffung von 7.000 Tonnen Getreide in mit Russland befreundete Länder. In dem Video waren der Name und die Erkennungszeichen des Schiffes verschleiert. Doch mit Hilfe des Dienstes MarineTraffic konnten der Schiffsname Zhibek Zholy sowie der türkische Zielhafen Karasu ermittelt werden. Die ukrainische Regierung ersuchte das türkische Justizministerium das russische Schiff samt der Ladung zu beschlagnahmen, doch dies gelang nur kurzfristig. Nach einigen Tagen wurde das Schiff wieder freigegeben. Das ukrainische Außenministerium bestellte deshalb den türkischen Botschafter in Kiew ein. Trotzdem kehrte die beladene Zhibek Zholy nicht wieder nach Berdjansk zurück, obwohl die russischen Besatzer dies bereits angekündigt hatten.

Nicht immer kann die ukrainische Regierung beweisen, ob es sich um gestohlenes Getreide handelt. Auch die Recherche von Journalisten und Strafverfolgungsbehörden auf Satellitenbildern und mit Ortungsdiensten reicht oft nicht aus. Denn die Beweise sind nicht immer eindeutig. So hat die Nachrichtengruppe Bloomberg zum Beispiel auf das extreme Wachstum der Getreideexporte von der Krim hingewiesen: Von Anfang März bis Mitte des Sommers wurden 50-mal mehr Produkte von der russisch besetzten Halbinsel exportiert als normalerweise zu dieser Jahreszeit. Dies könnte darauf hindeuten, dass ukrainische Agrarerzeugnisse illegal über diese Route ins Ausland exportiert werden.

Quelle: https://www.bloomberg.com/news/articles/2022-07-15/surging-crimea-shipments-point-to-stealing-of-ukrainian-grain?leadSource=uverify%20wall


Eindeutiger Fall von Getreidepiraterie: der Fall Laodicea

Ein weiterer Fall von Getreidepiraterie wurde von Igor Ostash, dem ukrainischen Botschafter im Libanon, beschrieben. Ihm gelang es, das syrische Schiff "Laodicea" auf Zwischenstopp im libanesischen Hafen Tripoli aufzuhalten, Dieses hatte verbotenerweise 5.000 Tonnen Mehl und 5.000 Tonnen Gerste aus der Ukraine geladen hatte. Über Satellitenbilder konnten die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden in diesem Fall die Spur des gestohlenen Getreides von der ukrainischen Stadt Berdjansk bis zur Krim verfolgen. Nach ihren Angaben übernahm die Laodicea die gestohlene Ladung in Feodosia (Krim, Ukraine). Anschließend deaktivierte das Schiff seine Peilsender und gab als vermeintlichen Ladehafen "Kavkaz" (Russland) an. Ein durchsichtiges Manöver: Denn der russische Hafen hat gar nicht den Tiefgang, um Schiffe wie die Laodicea aufzunehmen.

Bei der Festsetzung des Schiffes fanden sich weitere Beweise für den Raub: So wurden Etiketten auf den Mehlsäcken fotografiert, die auf ein Getreidesilo auf der besetzten Krim hinwiesen. Auch der russische Getreideverkauf über die Krim verstößt gegen internationales Recht. Außerdem fanden die ukrainischen Ermittler heraus, dass das verarbeitete Getreide aus den besetzten Gebieten der Regionen Saporischschja, Cherson und Mykolaiw stammte. Sie fanden auch trotz abgeschalteter Peilsender heraus, dass das Schiff weiter Richtung Syrien fuhr. Journalisten aus aller Welt, die regelmäßig russische Schifffahrtsrouten verfolgen, berichten, dass Syrien meist der Endabnehmer für illegales ukrainisches Getreide ist.

Im August wurde durch Verhandlungen zwischen der Ukraine, Russland und der Türkei mit Zustimmung der Vereinten Nationen offiziell ein „Getreidekorridor“ eröffnet. Seitdem kann ukrainisches Getreide rechtmäßig über den Seehafen Odessa in alle Welt transportiert werden. Doch Journalisten fanden auch heraus, dass in bestimmten türkischen Häfen Schiffe sozusagen Bord an Bord anlegen, die legal ausgeführtes Getreide wie auch illegal exportiertes Getreide von der Krim geladen haben.

Lastwagen transportieren im April 202 ukrainisches Getreide illegal auf die Krim. Foto: privat aus der Region Saporischschja.

Links: Das syrische Schiff "Laodicea" im Hafen von Tripolis, das mit Mehlsäcken aus gestohlenem Getreide beladen war. Foto des ukrainischen Botschafters im Libanon Igor Ostash. I Rechts: Das Schiff Zhibek Zholy im Hafen des besetzten Berdyansk, das mit gestohlenem ukrainischen Getreide beladen wurde. Foto: Teil eines Videos, das von der Besatzungsverwaltung der Stadt Berdyansk veröffentlicht wurde.

Dies ergab jetzt eine Studie mehrerer renommierter amerikanischer Institutionen, darunter das Humanitarian Research Lab der Yale School of Public Health (YSPH) sowie das Department of Energy’s Oak Ridge National Laboratory (ORNL) for the Conflict Observatory.

Nach Angaben der ukrainischen Regierung konnten vor dem Krieg 75 Millionen Tonnen Getreide in der Ukraine gelagert werden. Jetzt sind 14 Prozent der Lagergebäude durch den Krieg beschädigt oder zerstört, weitere 10 Prozent der Lagerkapazitäten liegen in den besetzten Gebieten und sind in russischer Hand. Außerdem waren Anfang August waren noch etwa 30 Prozent der Lager mit 22 Millionen Tonnen der letztjährigen Ernte belegt und warteten auf Export. Und die Lagerkapazitäten der Ukraine sinken weiter: Denn jede Woche werden in den Frontgebieten weitere landwirtschaftliche Betriebe und Kornspeicher bombardiert.

Quelle: Ministerium für Agrarpolitik und Ernährung der Ukraine

Lagerkapazitäten für Getreideernte reichen nicht aus

Da die Schwarzmeerhäfen von Odessa inzwischen wieder für den Warenexport freigegeben wurden, konnte die Ukraine ihre Getreideausfuhren erheblich steigern. So verließen zwischen dem 1. August und 30. September 241 Schiffe mit 5,5 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse die Häfen, dazu kamen noch Ausfuhren über die Donauhäfen und per Bahn. Doch immer noch liegt das Frachtaufkommen weit unter dem vor dem Angriffskrieg: Damals exportierte die Ukraine allein monatlich 6 Millionen Tonnen an landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Die Lagerkapazitäten der bestehenden Getreidespeicher, die entweder staatlich sind oder Agrarbetrieben gehören, reichen zurzeit nicht aus, viele Silos sind bereits voll. Dazu wird es für dieLandwirt*innen immer teurer, ihr Getreide in privaten Kornspeichern einzulagern. Hier sind die Preise inzwischen auf das Dreifache gestiegen.

Vereinte Nationen unterstützen beim Aufkauf von mobile Getreidespeichern

Die Bauern und Bäuerinnen suchen deshalb nach Alternativen. Dabei werden sie weltweit von Regierungen und Organisationen unterstützt, besonders auch von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO).

Die FAO wird deshalb temporäre und feste Getreidelager in die Ukraine liefern, darunter 30.000 Getreidesilos aus Polyethylen, Be- und Entlademaschinen sowie modulare Lagereinheiten bereitstellen und für deren Einsatz die Landwirt*innen entsprechend schulen. Projektunterstützer sind außerdem die Regierungen von Kanada und Japan, die australische Wohltätigkeitsorganisation Minderoo Foundation wie auch die US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID). Sie will der Ukraine ebenfalls mit mobilen Silos mit einer Kapazität von 1 Million Tonnen Getreide helfen. Die mobilen Silos sind große Kunststoffsäcke, die die Ukraine auch schon in kleinerer Stückzahl und einer Füllmenge von 5 bis 6 Millionen Tonnen Getreide vor dem Krieg eingesetzt hat. Jetzt geht das ukrainische Agrarministerium von einem Lagerungsbedarf von 20 Millionen Tonnen aus.

Das ukrainische Agrarministerium sammelt derzeit Anträge von ukrainischen Landwirten, die diese temporären Getreidelagereinrichtungen einsetzen wollen. Darüber hinaus haben nach Angaben des Agrarministeriums auch große landwirtschaftliche Erzeuger mobile Getreidespeicher mit einer Kapazität für 15 bis 19 Millionen Tonnen Getreide angeschafft. Inzwischen ist der Weltmarkt für diese Einweg-Getreidespeicher fast leergefegt, berichtet der ukrainische Agrarminister Mykola Solsky.

Ukrainische Agrarexperten gehen davon aus, dass die ukrainischen Landwirt*innen zukünftig ihre Strategien für die Getreidelagerung ändern müssen, zum Beispiel durch Recycling oder neue Lagermethoden beim Getreide. Aber auch der gemeinsame Einkauf und die gemeinsame Nutzung von landwirtschaftlichen Geräten, Maschinen und Silos gelten als Optionen für die ukrainische Landwirtschaft der Zukunft.

Quelle: Ukraine: FAO verstärkt Anstrengungen zur Rettung der kommenden Ernte und zur Sicherstellung des Exports von lebenswichtigen Getreidesorten

Jedes 6. Getreidelager der Ukraine ist zerstört oder in russischer Hand. Hier ein zerstörtes Kornlager in Myrnivska Hromada, Region Dnipro. Fotoquelle: Facebook National Police of Dnipro region

Heute, wird Russland den Beitritt des besetzten Teils der Region Saporischschja zu seinem Hoheitsgebiet erklären. Parallel trauert der freie Teil der Region um die von der Russischen Föderation getöteten Menschen. Diese Ereignisse werden zusätzlich noch durch einen schweren Militärschlag gegen die freie Zentralstadt Saporischschja in der gleichnamigen Region überschattet: Mehrere russische Raketen schlugen dort ein und töteten dort nach Angaben der ukrainischen Staatsanwaltschaft (Stand 12.25 Uhr) 25 Zivilisten, 50 Menschen wurden verletzt. Unter den Opfern sind auch Kinder. Die Menschen hatten sich hier in 250 Autos und Bussen versammelt, um in das russisch besetzte Gebiet der Region zu fahren. So wollten sie dort unter anderem humanitäre Hilfe leisten und Angehörige und Freunde aus besetzten Gebieten zu retten. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine gab es um 12 Uhr 25 Tote und 50 Verletzte. Unter ihnen sind Kinder. Dier nachfolgende Bericht spielt im besetzten Teil genau dieser Region vor dem erzwungenen russischen Referendum.

Nach der Befreiung der ukrainischen Region Charkiw vom russischen Militär sieht die Welt neue Beweise für den Terror der vertriebenen russischen Besatzer an der ukrainischen Bevölkerung: Zerstörte Häuser, Massengräber, Folterkammern und Geschichten darüber, wie sie während der sechsmonatigen Besetzung in Angst lebten. Das berichten Menschen, die in den besetzten Gebieten leben oder aus ihnen geflohen sind, wie Bürgermeister Stanislav Zakharevich. Er lebt heute in der freien ukrainischen Stadt Saporischschja, die in der gleichnamigen Region liegt und in die viele Menschen aus den besetzten Gebieten geflüchtet sind. Die Region ist in einen freien und in einen russisch besetzten Teil geteilt, der letztere wird heute (30.09.2022) zum russischen Staatsgebiet erklärt. Der Bürgermeister von Sofiyivska Hromada in der besetzen Region erzählt, wie die Menschen unter den Besatzern leben und wie sie unter anderem trotz Lebensgefahr versuchen, Informationen über Militärausrüstung und Soldaten an den ukrainischen Geheimdienst weiterzugeben

Russische Besetzer unterdrücken die ukrainische Bevölkerung

Stanislav Zakharevich, der Bürgermeister von Sofiyivska Hromada in der Region Saporischschja, erzählt, wie die Menschen leben, die gezwungen sind, in der Besatzung zu bleiben. Stanislav selbst konnte nach einem Monat in einem russischen Gefängnis in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet ausreisen. Von dort aus schickt er humanitäre Hilfe und versucht, die Menschen zu unterstützen.

Stanislav Zakharevich: "In meinen Heimatdörfern herrscht jetzt echter Terror. Die Russen haben ihre eigenen Leute in alle Führungspositionen gebracht. Vor Beginn des Schuljahres setzen sie die Lehrer unter Druck, mit russischen Lehrplänen zu arbeiten. Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder eine russische Schule besuchen, wird gedroht, ihnen die Kinder wegzunehmen. Diese Schulen dienen nicht dem Lernen. Aber diese Schule dient nicht dem Lernen, sondern der Umerziehung durch russische Propaganda.“

Die Menschen in den besetzten Gebieten werden zusätzlich gezwungen, sich russische Pässe zu besorgen, berichtet der Bürgermeister. Stanislav: „Das russische Militär leistet humanitäre Hilfe nur im Austausch gegen persönliche Daten. Diese werden benutzt, um deren Abstimmung über den Beitritt zu Russland zu fälschen.“

Am 24. und 27. September haben die Russen in den besetzten Gebieten ein gefälschtes Referendum organisiert. Viele Bewohner versuchen, nicht daran teilzunehmen, haben aber keine andere Wahl. Für die Dorfbewohner ist es besonders schwer, sich zu entziehen. Denn die Wahlhelfer kommen direkt an ihre Haustür, begleitet von Soldaten mit Maschinengewehren. Auf diese Weise werden die Dorfbewohner gezwungen, für den Anschluss an Russland zu stimmen. Wer sich weigert, hat harte Strafen oder die Deportation zu fürchten.

Russen übernehmen die Wirtschaft in den besetzten Regionen

Zakharevich erzählt, dass Bauern und andere Geschäftsleute gezwungen werden, ihre Betriebe nach russischem Recht anzumelden und Steuern an die Besatzungsbehörden zu zahlen. Wer dies nicht tut, wird enteignet und inhaftiert. Außerdem verbieten die Russen, die geernteten Erzeugnisse in die Ukraine zu exportieren. Der Bürgermeister: "Sie sagen den Bauern: "Ihr müsst uns eure Ernte verkaufen, sonst nehmen wir sie euch weg.“ Wenn die Landwirte an die Russen verkaufen, erhalten sie beispielsweise 700 Griwna (20 Euro) pro Tonne Gerste, vor dem Krieg konnten die Landwirte die Tonne für 3.000-5.000 (80-150 Euro) pro Tonne verkaufen.

Bisher haben die ukrainischen Landwirte mit Maschinen von Weltmarken gearbeitet. Jetzt gibt es für sie keinen Service, keine Teile und keine Ersatzteile mehr – auch nicht aus Russland. Die Besatzer raten den Landwirten hartnäckig, russische und weißrussische Mähdrescher mit russischem Treibstoff zu kaufen. Die Landwirte haben nur die Wahl, nach russischen Regeln zu arbeiten oder zu gehen. Ohnmächtig müssen sie auch oft zusehen, wie russische Soldaten ihre Höfe plündern und Maschinen und ernten einfach mitnehmen. Im Rahmen einer allgemeinen russischen Verstaatlichung sind viele Bauern und Getreidehändler von der russischen Besatzungsverwaltung auch einfach enteignet worden. Dies bestätigen der Sicherheitsdienst der Ukraine, aber auch viele Aussagen von Kollaborateuren.

Die Situation ist in allen besetzten Gebieten sehr ähnlich. Ein Landwirt aus Nowa Kachowka in der besetzten Region Cherson, der anonym bleiben will, bestätigt dies. Die Soldaten haben ihm im Frühjahr seinen Betrieb und seine gesamte landwirtschaftliche Ausrüstung weggenommen. Nachdem er und seine Familie die besetzte Region verlassen hatten, wurde auch noch sein Haus geplündert.

Täglicher Kampf ums Überleben

Nachdem die Russen die Postautomaten mit Geld ausgeraubt hatten, stellte der ukrainische Postdienst, der die Renten und Sozialleistungen an die Bevölkerung ausliefert, seine Arbeit ein. Viele Menschen sind jetzt arbeitslos und haben kein Bargeld mehr. Denn die ukrainischen Banken haben geschlossen, deshalb ist es fast unmöglich in den besetzten Gebieten mit ukrainischen Bankkarten zu bezahlen. Die Menschen in den Dörfern können nur von dem leben, was sie in ihren eigenen Gärten und Obstplantagen anbauen. Die Bewohner können auch nur schwer mit humanitären Hilfsgütern aus der Ukraine beliefert werden. Das russische Militär verbietet die Versorgung in größeren Mengen. Daher müssen ukrainische Freiwillige Lebensmittel, Hygieneartikel und Medikamente in kleinen Mengen unter dem Deckmantel privater Pakete verschicken. Medikamente sind auf dem freien Markt schwer zu bekommen und dreimal so teuer wie in nicht besetzten Gebieten der Ukraine. Das Einzige, was in den besetzten Gebieten billig ist, ist Obst und Gemüse, das die örtlichen Bauern mangels Märkten fast umsonst verkaufen müssen.

Die Bevölkerung berichtet auch immer wieder von Übergriffen der russischen Soldaten. Zakharevich: "Sie haben begonnen, Ausrüstung und Munition in den Dörfern zu platzieren, direkt neben den Häusern. Betrunkene russische Soldaten schießen nachts, und das macht den Einheimischen, vor allem den Frauen, wirklich Angst." Die Russen nutzen diese in den besetzten Gebieten gelagerten Waffen, um Raketenangriffe auf andere ukrainische Städte, wie die freie ukrainische Stadt Saporischschja zu starten.

Die ukrainische Regierung schätzt, dass täglich bis zu 1.500 Menschen die besetzten Gebiete verlassen. Diejenigen, die bleiben, haben entweder kein Geld für eine Evakuierung oder können ihre alten Eltern nicht verlassen. Die Fluchtwege sind meist zerstört: So haben die Russen die Straßen in das ukrainische Gebiet zerstört. Die Autos müssen durch ein Feld fahren, dass durch den Regen ständig überspült. Hinzu kommen ständige und oft erniedrigende Kontrollen durch das russische Militär. Zur Einschüchterung werden Männer oft direkt an dieser Straße gefangen genommen.

Die Russen verkomplizieren ständig die Regeln für die Einreise in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet. So erlauben sie jungen Männern zwischen 18 und 35 Jahren nicht mehr, dorthin zu reisen. So steigt die Befürchtung, dass diese jungen ukrainischen Männer bald in die russische Armee gezwungen werden könnten.

Die Räumung und Befreiung großer Teile der Ukraine von den Russen im letzten Monat hat die Menschen in anderen besetzten Gebieten sehr ermutigt. Doch nicht alle Ukrainer*innen erfahren von den Rückeroberungen der ukrainischen Armee, bedauert der Bürgermeister. Der Angriffskrieg auf die Ukraine ist seiner Meinung nach vor allem ein Informationskrieg. Immer wieder erzählen die russischen Propagandisten den Dorfbewohnern im besetzten Teil der Region Saporischschja, dass die Ukraine sie im Stich gelassen habe und Europa die Ukraine nicht mehr unterstütze. Stanislav: "Viele Menschen, die keine anderen Informationen haben, glauben dies verzweifelt und geben auf.“ Deshalb ermutigt der Bürgermeister seine Dorfbewohner: "Jede Nacht kommuniziere ich über das sehr schlechte Internet mit Menschen, die in unseren Dörfern geblieben sind. Während des Zweiten Weltkriegs war unser Gebiet mehr als zwei Jahre lang besetzt. Ich bitte die Menschen durchzuhalten und an den Sieg zu glauben."

Stanislav Zakharevich ist erst 30 Jahre alt und schon seit 2020 Bürgermeister von Sofiyivska Hromada, einer Gemeinde mit elf Dörfern. Diese landwirtschaftlich geprägte Region im Südosten der Ukraine, die zwischen dem Donbas und der Krim liegt, wurde bereits kurz nach der russischen Invasion besetzt.

Der junge Bürgermeister hat Geschichte studiert. Für jeden Historiker wäre es ein Segen, eine Epoche mit bedeutenden historischen Ereignissen nachzuzeichnen, für ihn persönlich wurde es jedoch ein Drama. Wie die meisten Ukrainer*innen wurde auch Stanislaw vom Ausbruch des russischen Angriffskrieges nachts im Bett überrascht. Morgens um 6 Uhr rief ihn die Leiterin der Dorfschule an und fragte, ob es wahr sei, dass der Krieg begonnen habe. Der Bürgermeister: "Sie weinte, und ich antwortete automatisch, dass das nicht sein kann. Aber dann habe ich in den Internet-Nachrichten gesehen, dass es stimmt.“

In den Dörfern, die zur Gemeinde von Stanislav Zakharevich gehören, lebten vor Kriegsausbruch 5.000 Menschen, darunter viele Landwirte und Landwirtinnen. Sie bauten hier Gerste, Raps, Weizen, Sonnenblumen und Erbsen an und finanzierten mit ihren Steuern den lokalen Haushalt. Die Bauern genießen ein hohes Ansehen in der Ukraine und sind deshalb mit die ersten, die von den Russen unter Druck gesetzt werden. Die russischen Besatzer fordern vehement die Zusammenarbeit mit ihnen ein und verlangen Maschinen und Getreide. Außerdem werden die Bauern und Bäuerinnen oft von den Russen inhaftiert und dann wieder gegen Lösegeld freigelassen, denn sie gelten als wohlhabend. So waren zum Zeitpunkt dieses Gespräches sieben Bewohner der Dörfer in russischer Gefangenschaft.

Russen zwingen mit Drohungen und Verhaftungen zur Zusammenarbeit

Wie der Bürgermeister berichtet, versucht das russische Militär in den besetzten Gebieten, Kolloborateure für die Bildung lokaler Behörden zu finden, doch bisher mit wenigem Erfolg. Zunächst bieten die Russen viel Geld und hohe Posten an, dann folgen Drohungen und Verhaftungen.

Zakharevich: "Meine Kollegen aus anderen Dörfern und Städten haben mich gewarnt und mir geraten zu fliehen. Aber ich beschloss, bei meinen Leuten zu bleiben. Die Russen hatten bereits andere Dorf- und Gemeindevorsteher festgenommen. Aber viele von ihnen wurden nach drei Tagen wieder freigelassen. Ich hoffte, dass es so auch bei mir sein würde." Doch Stanislav Zakharevich wurde 34 Tage im Gefängnis festgehalten.

Die Gemeinde des jungen Bürgermeisters wurde am 27. Februar besetzt, trotzdem setzten er und seine Kollegen ihre Arbeit für die Bürger*innen fort. Am 25. April standen Vertreter der Besatzer- Polizei vor seiner Haustür. Zwei von ihnen waren ehemalige ukrainische Polizeibeamte, die übergelaufen waren. "Man sagte mir, sie seien gekommen, um mir den Posten des Bürgermeisters von Primorsk (einer Küstenstadt am Asowschen Meer) anzubieten. Und dass ich in Zukunft sogar den Föderationskreis Taurida leiten könnte (eine Verwaltungseinheit der Russischen Föderation, der Russland die besetzten Gebiete im Süden der Ukraine angliedern will). Sie lobten mich als gute Führungsperson, die von vielen Menschen unterstützt werde. Natürlich habe ich abgelehnt. Damit waren sie nicht zufrieden." Während ihn die russische Polizei unter Druck setzte, sammelten sich die Dorfbewohner vor seinem Haus. Der Bürgermeister: "Es kamen etwa 20 Leute, darunter auch Frauen mit Kindern. Die Landwirte drohten mit ihren Autos die Straße zu blockieren, falls die Polizei mich mitnehmen würde. Die russische Polizei drohte im Gegenzug mit ihrem Militär, das viel Leid über das ganze Dorf bringen könnte. Ich bat deshalb die Dorfbewohner zu gehen. Die russische Polizei versprach mir, nur ein paar Stunden mit mir zu reden und mich dann laufen zu lassen.“

Während des Gesprächs bot Stanislav, sein Amt als Bürgermeister niederzulegen, verweigerte aber weiter die Zusammenarbeit: "Man sagte mir, dass ich nach der Folter sowieso zustimmen würde." Nach stundenlangem Verhör wurde er schließlich mit einer Plastiktüte über dem Kopf ins Gefängnis abgeführt und durfte seine Mutter informieren, dass er noch am Leben sei. Auch seine Mutter wurde unter Druck gesetzt, um ihn zur Zusammenarbeit mit den Russen zu überreden.

Folterungen im russischen Gefängnis

Stanislav wurde in ein ehemaliges ukrainisches Gefängnis in Berdjansk - der zentralen Stadt des Bezirks – gebracht, das die russischen Militärs sofort am ersten Tag der Besetzung übernommen hatten. Viele Zeugen bestätigen inzwischen die schrecklichen Dinge, die die Russen den inhaftierten Ukrainer*innen antun. Um im Gefängnis zu landen, genügt es, ein Foto der ukrainischen Flagge im Smartphone zu haben oder einen kritischen Beitrag in den sozialen Medien zu veröffentlichen. Stanislav erzählt, dass unter seinen Mitgefangenen auch ukrainische Militärs, zivile Aktivisten und Geschäftsleute, Frauen, 16-jährige Jugendliche und alte Menschen waren. Die Gefangenen fürchteten vor allem die Ankunft der Beamten vom Föderalen Sicherheitsdienst der Russischen Föderation, der Organisation, die Putin vor seiner Präsidentschaft leitete. Die Ankunft des Sicherheitsdienstes bedeutet Folter, erzählt der junge Mann. "Normalerweise sieht man die Emotionen von Menschen auch in den Augen. Doch die Augen dieser Menschen waren glasig und zeigten keine Gefühle mehr…“ Stanislav berichtet, wie ein älterer Mann aus einer benachbarten Zelle geholt wurde und die nächsten anderthalb Stunden lang alle Häftlinge schreckliche Schreie und Foltergeräusche hörten. Danach trugen ihn die Peiniger bewusstlos in seine Zelle. Die Einwohner von Berdjansk und ukrainische Gesetzeshüter berichten übereinstimmend, dass das russische Militär mehrere speziell für Folterungen ausgerüstete Fahrzeuge nach Berdjansk mitgebracht hatten.

Auch Stanislav musste in den Folterraum und wurde großem psychischem Druck ausgesetzt. "Es war eine kleine Zelle mit Folterinstrumenten, die auf Regalen lagen: von Messern und Schneidewerkzeugen bis hin zu verschiedenen elektrischen Geräten. In der Ecke befanden sich riesige Pfützen mit bereits eingedicktem menschlichem Blut.“ Seine Peiniger zeigten ihm, wie man mit einem großen Hammer die Beine brechen konnte. Doch der junge Mann hatte Glück und ist eine Ausnahme: Denn es gelang ihm, schwerer körperlicher Folter zu entgehen. Wahrscheinlich, so meint er, glaubte die Besatzungsverwaltung wirklich, dass der Bürgermeister mit der Zeit für sie arbeiten würde. Außerdem hatten Freunde, Dorfbewohner wie auch ukrainische Medien die Nachricht über seine Verhaftung bereits überall verbreitet. Die Russen befürchteten Protestwellen und hatten deshalb kein Interesse daran, ihn zu töten und ihn zum ukrainische Helden zu machen.

Das harte Leben im Gefängnis

Jeden Tag kam Stanislavs Mutter ins Gefängnis und fragte nach ihrem Sohn. Schließlich wurde ihr erlaubt, ihn mit Kleidung und Essen zu versorgen. Stanislav wurde in eine Einzelzelle mit geschlossenen Fenstern gesteckt, das Essen bekam er durch ein Loch in der Tür. In der Zelle lief bei Sommerhitze die Heizung, es war unerträglich heiß und Stanislaw fühlte sich wie in einem Ofen: "Ich war verzweifelt und dachte, ich käme da nie wieder raus. Vor allem, als ich merkte, dass es Leute gab, die schon zwei Monate im Gefängnis saßen.“

Nach 34 Tagen ließen die Sicherheits-Offiziere Stanislav unter drei Bedingungen frei: Er sollte nach Hause zurückkehren und seine Arbeit fortsetzen, bis ein loyaler Vertreter der russischen Behörden als Ersatz gefunden worden war. Es wurde ihm außerdem verboten, in das nicht besetzte ukrainische Gebiet zu reisen. Zusätzlich durfte er nicht über seine Erlebnisse im Gefängnis berichten und sich schlecht über Russland und sein Militär äußern.

Viele Ukrainer*innen sind in Kriegsgefangenschaft

Wenige Tage nach seiner Freilassung brachte der junge Bürgermeister den Gefangenen in Berdjansk Kleidung und Lebensmittel, die seine Dorfbewohner gesammelt hatten. Er sagt: " Viele Menschen saßen schon seit den ersten Kriegstagen im Februar im Gefängnis und trugen jetzt im Hochsommer immer noch ihre Wintersachen. Ihre Familien wussten entweder nicht, dass sie dort waren oder durften sie nicht versorgen.“

Nach Angaben des Gouverneurs der Oblast Saporischschja (der Region, in der Stanislav Zakharevych lebt) wurden seit Beginn des Krieges in der Region mehr als 500 Menschen vom russischen Militär verschleppt. Davon sind noch 200 Personen in Gefangenschaft. Darunter sind ukrainische Polizisten, lokale Behördenvertreter, Freiwillige, die der ukrainischen Armee geholfen haben, und Zivilisten, die zum Beispiel Lebensmittel brachten und Menschen evakuierten. Auch Lehrkräfte von Schulen und Universitäten wurden im Gefängnis von Berdjansk festgehalten. Das Gefängnis soll sie zwingen, für Russland zu arbeiten. Ihre Schicksale sind unterschiedlich: Einige wurden nach mehreren Tagen oder Monaten der Gefangenschaft und der Verhöre freigelassen. Andere wurden von der ukrainischen Regierung gegen russische Militärgefangene ausgetauscht. So wie Iwan Fedorow, der Bürgermeister von Melitopol, der gegen drei russische Soldaten ausgetauscht wurde. Am 11. März wurde er verschleppt und tagelang verhört. Später sagte er: "Sie haben mich ins Gefängnis gebracht." Und: "Ich hörte die Schreie von gefolterten Menschen aus den Zellen nebenan.“ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 22.4.22)

Vom Gefängnis deutlich gezeichnet: Stanislav vor und nach der Verhaftung

Das Leid der Landwirtinnen in der Ukraine

Traditionell galt die Arbeit im Agrarbereich in der Ukraine als Männersache. Doch in den letzten Jahren haben immer mehr Frauen die Leitung von Familienbetrieben übernommen. Dazu haben auch die ukrainische Genossenschaftsbewegung und sie unterstützende Organisationen beigetragen. Immer mehr Landfrauen wollen so ihre gesellschaftliche Bedeutung stärken, für mehr Gleichberechtigung im Agrarsektor sorgen und sich stärker an der ökologischen und umweltfreundlichen Landwirtschaft orientieren. Heute hat die Landwirtinnenbewegung jedoch ganz andere Sorgen. Durch den Angriffskrieg auf die Ukraine müssen sich die ukrainischen Landwirte und Landwirtinnen nicht nur um ihre Ernten und ihr Geschäft sorgen, sondern auch um ihren Lebensunterhalt und vor allem ihr Leben. Das erleben zum Beispiel die Bäuerinnen aus der Region Saporischijja in der südlichen Ukraine.

Frauen schlossen sich in Genossenschaften zusammen, aber müssen jetzt alles aufgeben

Im Jahr 2010 schlossen sich Landwirtinnen von kleinen Genossenschaften, aber auch landwirtschaftliche Einzelunternehmerinnen aus der Region Saporischijja zur Nichtregierungsorganisation The Women Farmer's Council in Zaporizhzhia (WFC-Zap/ Rat der Landwirtinnen in Saporischijja) zusammen. Die Region Saporischijja gehört zu den größten Agrarproduzenten im Land. Der Rat der Landwirtinnen entwickelte bis zum Angriffskrieg erfolgreich eine ukrainische Genossenschaftsbewegung und wurde dabei von ausländischen Genossenschaften stark unterstützt. Ziel ist es, die Landwirtinnen wirtschaftlich erfolgreich zu machen. Inzwischen sind 200 Landwirtinnen --und mit ihren Familien 1.000 Personen -- Mitglieder des Women`s Farmers Council. Sie bauen vor allem Gemüse, Obst und Beeren an, produzieren Milch, Milchprodukte und Honig. Gemeinsam richten sie Verkaufsstellen und Messen ein und kaufen Düngemittel ein. Sie lernen, neue landwirtschaftliche Technologien einzusetzen und tauschen ihre Erfahrungen und Ideen aus.

Doch nun ist fast 70 Prozent der Region Saporischijja vom russischen Militär besetzt. Ein Teil der Kleinstädte, Dörfer und Bauernhöfe liegt mitten in der Schusslinie. Der Rest der Region, einschließlich der Hauptstadt Saporischijja, wird von der Ukraine kontrolliert. Allen Entwicklungsmöglichkeiten der Landwirt*innen, einschließlich der genossenschaftlichen, hat der Krieg nun in diesen russisch besetzten Gebieten ein jähes Ende bereitet.

Die Koordinatorin des Landfrauenrats Oleksandra Harmacsh lebte vor dem Angriffskrieg in der nun besetzten Stadt Melitopol und musste ihren Hof verlassen, um in die westukainische Region Lviv zu fliehen. Das erging Olha Mizina, der Leiterin des Women`s Farmers Council in Saporischijja, ebenso. Etwa ein Drittel der Landwirtinnen der Frauenorganisation hat wegen des Krieges Häuser und Betriebe verlassen, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten. Sehr oft bleiben die Ehemänner oder andere Verwandte zurück und kümmern sich teilweise unter Lebensgefahr um die Höfe.

Oleksandra führte wie 90 Prozent der Landwirtinnen einen kleinen Familienbetrieb und baut Beeren an. Die Kleinstbetriebe beschäftigen bis zu 10 Mitarbeiter*innen und erwirtschaften aus ihrem Verkauf ein Nettoeinkommen von 700.000 Euro. Kleine Betrieben haben bis zu 50 Mitarbeiter*innen, ihr Nettoeinkommen beträgt bis zu 8 Millionen Euro pro Jahr.

Tonnenweise verdorbenes Gemüse und Gefahr für das Leben

Kein Geld, die Unmöglichkeit, ihre Waren zu verkaufen und die ständige Bedrohung ihres Lebens: So leben und arbeiten die Landwirt*innen heute unter der Besatzung. Und immer mehr müssen ihre Höfe und Tiere verlassen. Der ukrainische Minister für Agrarpolitik und Ernährung, Mykola Solsky, stellt fest, dass es gerade die Ukraine-treuen Landwirt*innen mit der aktivsten politischen Position seien, die als erste unter dem Druck der russischen Besatzer zu leiden haben.

Das sieht Oleksandra Harmacsh ebenso. Sie berichtet, wie sehr die nationalbewussten ukrainischen Landwirt*innen in ihren Regionen geachtet werden. Diese würden von den russischen Besatzern zuerst unter Druck gesetzt, um sie zur Zusammenarbeit zu zwingen, notfalls auch mit Folter. Ein aktives Mitglied des Rates der Landwirtinnen wurde zweimal vor den Augen ihres kleinen Kindes verhaftet, ihr Haus wurde durchsucht. Deshalb brachte sie sich und ihr Kind in Sicherheit.

Wie Oleksandra Harmacsh betont, haben die Landwirt*innen in der besetzten Region keine Möglichkeit, ihre Erzeugnisse in dem von der Ukraine kontrollierten Gebiet zu verkaufen. Die Russen verbieten die Ausfuhr von Gemüse, Obst und Getreide aus den besetzten Gebieten. So dürfen Landwirt*innen entweder nicht in die unbesetzte Ukraine fahren oder sie müssen tagelang an den Kontrollpunkten warten, so dass die Produkte verderben und weggeworfen werden müssen. Außerdem sei es völlig unmöglich, Getreide oder Sonnenblumen aus den besetzten Gebieten zu exportieren. Die Besatzer würden die Bäuerinnen und Bauern zwingen, ihre Produkte an Russland zu verkaufen. Denjenigen, die sich weigerten, werde ihr Getreide einfach gewaltsam weggenommen.

Laut Harmacsh ist der Markt in den besetzten Gebieten inzwischen mit bäuerlichem Gemüse und Obst übersättigt. Ihre Gurken und Tomaten müssen die Landwirt*innnen beispielweise für 2-3 Griwna pro Kilo verkaufen. Das sind weniger als 10 Eurocent. Auf ukrainisch-kontrolliertem Gebiet können sie dagegen den zehnfachen Preis für ihre Früchte und ihr Gemüse bekommen.

Inzwischen hätten die Menschen in den besetzten Gebieten auch nicht mehr das Geld, um die Preise zu zahlen. Außerdem müssen sich die Landwirtinnen laut Oleksandra Harmcsh entscheiden, ob sie ihre Erzeugnisse einsammeln und kostenlos verteilen, ob sie sie für wenig Geld verkaufen oder sie einfach auf den Feldern liegen lassen. Denn der Treibstoff für die Ernte kostet inzwischen mehr als die Ernte selbst.

Anastasia Buchna

Mitglieder des Rates der Landwirtinnen in Saporischijja betreiben Landwirtschaft für den Lebensunterhalt ihrer Familien und bedürftiger Menschen.

Vor dem Krieg: Der Rat der Landwirtinnen (UWFC-Zaporizhzhia) nahm an Ausstellungen, Messen und Festivals teil, um die Landwirtinnen, ihre Betriebe und Genossenschaften zu fördern.

Seit 2010 arbeiten Landwirtinnen aus der Region Saporischijja in der südlichen Ukraine, die sich zu großen Teilen in kleinen Genossenschaften zusammengeschlossen haben, mit der Nichtregierungsorganisation The Women Farmer's Council in Zaporizhzhia (WFC-Zap/ Rat der Landwirtinnen in Saporischijja) zusammen. Ziel ist es, noch erfolgreicher zu wirtschaften. Die Region Saporischijja ist eine der größten Agrarproduzenten der Ukraine. Seit vielen Jahren arbeiten die Landwirtinnen der Organisation mit ausländischen Genossenschaften daran, die Genossenschaftsbewegung in der Ukraine weiterzuentwickeln. Diese gewachsene Partnerschaft erweist sich auch in Kriegszeiten als sehr hilfreich.

Als der Krieg begann, zeigten die Genossenschaften aus anderen Ländern sofort Solidarität und unterstützten die ukrainischen Landwirt*innen vor allem in den ländlichen Gebieten. Oleksandra Harmacsh, Koordinatorin des Landwirtinnen-Rats, erzählt: „Unsere ausländischen genossenschaftlichen Partner schickten uns viel humanitäre Hilfe. Aber genauso wichtig war ihre Informations- und Kommunikationshilfe. So unterstützten sie uns auch dabei, die Wahrheit über diesen Angriffskrieg Russlands zu erzählen. Denn die russische Regierung versuchte, ihre Propaganda über die Notwendigkeit des Krieges auch im Ausland zu verbreiten. Unsere Landwirtinnen engagierten sich deshalb in Online-Veranstaltungen für Genossenschaftsmitglieder und klärten sie über die russische Aggression gegen die Ukraine auf.“

Zur Zeit konzentriert sich die internationale Unterstützung, die früher zur Entwicklung der ukrainischen Bauernkooperativen beigetragen hat, ganz auf die humanitäre Hilfe. Das versetzt den Rat der Landwirtinnen in die Lage, ihre Mitglieder mit Lebensmitteln, Saatgut, Treibstoff für die landwirtschaftliche Arbeit und Zahlungen für Strom und Wasser zu unterstützen. Die in der Nichtregierungsorganisation organisierten Bäuerinnen kümmern sich außerdem um Steuerfragen, die Gewerbeanmeldung und die Registrierung von Entschädigungen für die im Krieg zerstörten Maschinen und Geräte. Sie helfen den Vertriebenen, aber auch der ukrainischen Armee.

Der Rat der Landwirtinnen schaut jedoch auch schon in die Zukunft und bereitet sich auf die Zeit nach Kriegsende vor: Oleksandra Harmacsh geht davon aus, dass sich Genossenschaften und andere Bauernverbände in der Ukraine aktiv am Wiederaufbau der ukrainischen Landwirtschaft beteiligen werden. „Die Genossenschaftsbewegung wird hierbei definitiv eine Rolle spielen. Außerdem werden sicherlich der ukrainische Staat, aber auch das Ausland den Verbänden der landwirtschaftlichen Erzeuger Hilfe leisten.“

Problematischer sieht es mit den Menschen aus, die in der Landwirtschaft arbeiten: Viele hätten ihre Heimatorte verlassen, viele seien ins Ausland gegangen. Es sei schwer zu sagen, wer in die Ukraine zurückkehren und wer im Ausland bleiben werde. Harmacsh: „Damit die Landwirte und Arbeiter zurückkehren können, müssen wir eine Basis schaffen, dass sie ihre Betriebe wiederaufbauen können. Dafür können Genossenschaften die finanzielle und kommunikative Unterstützung dafür bieten.“

Eine gute Zukunftsperspektive für die Kleinbauern und -bäuerinnen sieht sie auch in der gemeinschaftlichen Verarbeitung von Produkten. Schon vor dem Krieg schlossen sich Landwirte zusammen und mieteten Maschinen zur Herstellung von Grütze, Mehl oder Sonnenblumenöl. So hätten Bäuerinnen außerdem eine Käserei gegründet.

Ivan Vyshnevskiy, stellvertretender Leiter des USAID/Credit for Agriculture Producers Project in der Ukraine, berichtet, dass die logistischen Probleme während des Krieges die Landwirt*innen bereits dazu veranlasst hätten, Verarbeitungsmöglichkeiten für ihre Erzeugnisse zu entwickeln. Zum Beispiel für die Herstellung von Mehl oder das Einfrieren von Beeren.

Auch Olha Mizina, die Leiterin des Rates für Landwirtinnen, geht von dem Wiederaufbau der ukrainischen Landwirtschaft nach Kriegsende aus. Sie erzählt, dass sie vor dem russischen Angriff einen Zuschuss zum Aufbau ihrer Familienkooperative erhalten hat. Sie hofft, dass sie bald nach Hause zurückkehren und ihren Plan umsetzen kann: sobald die Ukraine den Krieg gewonnen hat. Sie auch wie viele andere Ukrainer*innen ziehen hier keine andere Option in Betracht.

Anastasia Buchna
Foto-Credits: Women`s Farmers Council

Mitglieder des Women`s Farmers Council bei ihrer Arbeit vor dem Krieg

Oleksandra Harmasch & Olha Misina

  • Ernte von rund 67 Millionen Tonnen Getreide und Ölsaaten erwartet

In diesem Jahr plant die Ukraine, 65-67 Millionen Tonnen an Getreide und Ölsaaten zu ernten, obwohl das Land durch aktive Militäroperationen und die russische Besetzung der südöstlichen Regionen 25 Prozent ihrer Anbauflächen verloren hat. 2021 hatte die Ukraine eine Rekordernte von 106 Millionen Tonnen Getreide und Ölsaaten. 2020 fiel die Ernte durch Dürre und die Coronapandemie auf 65,4 Millionen Tonnen, in den Jahren zuvor pendelte sich die Ernte zwischen 70 und 75 Millionen Tonnen ein.

Quelle: Denys Shmyhal, ukrainischer Premierminister | Прогнози збору врожаю цьогоріч покращилися до 65-67 млн тонн - результати селектору під головуванням Прем'єр-міністра | Кабінет Міністрів України (kmu.gov.ua)

  • 102 Schiffe mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen liefen bis Anfang September aus ukrainischen Häfen aus

Am 1. August wurden im Rahmen der von der UNO unterstützten Getreideinitiative die ukrainischen Häfen Odessa, Chornomorsk und Pivdenny am Schwarzen Meer geöffnet. Bis zum 7. September liefen dort 102 Schiffe mit 2,37 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse für den Export aus.

54 Schiffe mit 1,04 Millionen Tonnen wurden in asiatische Länder geschickt. 32 Schiffe mit 0,85 Millionen Tonnen Getreide fuhren nach Europa, 16 Schiffe mit 0,47 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse gingen nach Afrika.

Quelle: Ministerium für Infrastruktur der Ukraine | Міністерство інфраструктури інформує щодо географії експорту в рамках "зернової ініціативи" - Новини - Міністерство інфраструктури України (mtu.gov.ua)

  • 10 Millionen Tonnen landwirtschaftliche Erzeugnisse exportiert

In den 5,5 Kriegsmonaten hat die Ukraine fast 10 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse exportiert. 2020 waren es mit 19,5 Millionen Tonnen mehr als doppelt so viel. Das am meisten exportierte Getreide ist Mais.

Quelle: Amt für Agrarpolitik und Ernährung der Ukraine

  • Größte Anzahl von Schiffen mit Getreide aus Donau-Häfen

In diesem Jahr schickt die Ukraine die größte Anzahl von Getreide-Schiffen aus den Häfen an der Donau. Davor konnten die ukrainischen Donauhäfen nur über den Sulina-Kanal erreicht werden, der durch Rumänien läuft. Nach der Befreiung der Schlangeninsel wurde der direkte Zugang zum Schwarzen Meer von den Häfen an der Donau über den Bistrij-Kanal möglich

Quelle: Ministerium für Infrastruktur der Ukraine | За минулу добу у напрямку українських Дунайських портів пройшла рекордна кількість суден - Новини - Міністерство інфраструктури України (mtu.gov.ua)

  • Wegen der russischen Aggression im Schwarzen und Asowschen Meer hat die Ukraine in diesem Jahr ihre Getreideexporte auf der Schiene erhöht.

Die erste Lieferung landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus der Ukraine kam am 23. August per Bahn in Deutschland an. 1.200 Tonnen Mais wurden im Seehafen Rostock angeliefert. Die Eisenbahnwaggons mussten an der Grenze zu Polen umgeladen werden.

Quelle: NDR

Anastasia Buchna
Foto-Credits: Ministery of Infrastructure of Ukraine

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Sabine Bömmer
Bereich Kommunikation & Change
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