Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge

Sie sind hier: Startseite Der Verband PresseService Aktuelle-Meldungen Interview: Prof. Dr. Hess zu den Erwartungen der Landwirte an die Milchlieferbeziehungen

Interview: Prof. Dr. Hess zu den Erwartungen der Landwirte an die Milchlieferbeziehungen

Prof. Dr. Hess von der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel, stellte beim Parlamentarischen Milchfrühstück im Februar in Berlin die Ergebnisse der Studie ‚Erwartungen der Landwirte an die Gestaltung der Milchlieferbeziehungen‘ vor. Das Fazit: Kleinere und mittlere Betriebe favorisieren das typische genossenschaftliche Liefermodell (TGL). Größere Betriebe würden in der Tendenz eine alternative Gestaltung bevorzugen.
Interview: Prof. Dr. Hess zu den Erwartungen der Landwirte an die Milchlieferbeziehungen

Prof. Dr. Sebastian Hess, Stiftungsprofessur Milchökonomie am Institut für Agrarökonomie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Foto: Privat)

Die Befragung der Milcherzeuger war auch stark durch die Rahmenbedingungen der Milchpreiskrise geprägt. In schwierigen Zeiten auch tradierte Sachverhalte auf den Prüfstand zu stellen ist konsequent und richtig. Ist es vorgesehen, das Stimmungsbild in einer anderen Preisphase zu wiederholen?

Prof. Hess: Im Hinblick auf die Andienungspflicht und Abnahmegarantie könnte sich die Wahrnehmung einiger Landwirte zwischen einer Tiefpreisphase und einer Hochpreisphase unterscheiden. Ein weiterer Aspekt der Lieferbeziehungen, welcher womöglich je nach Preisphase anders wahrgenommen wird, sind die Kündigungsfristen bei der Molkerei. Aufgrund des Befragungszeitraums gegen Ende der sogenannten Milchkrise spiegeln die Ergebnisse somit wahrscheinlich ein Marktumfeld wieder, in dem der Wunsch vieler Landwirte nach Sicherheit relativ stärker ausgeprägt gewesen sein dürfte als nach einer längeren Hochpreisphase.

In der zurückliegenden Befragung sind wir außerdem noch nicht darauf eingegangen, wie Landwirte reagieren würden, wenn auch die Molkereien ihrerseits weitreichendere Möglichkeiten zur einseitigen Kündigung eines Lieferverhältnisses mit dem Landwirt bekämen. All dies sind Gründe, die für eine Weiterführung der Befragung sprechen. Die dazu notwendigen Ressourcen versuchen wir aktuell zu akquirieren.

In Ihrer Befragung ist das Bedürfnis nach Preisabsicherungsinstrumenten klar hervorgetreten. Bei der Frage wer diese Absicherung vornehmen soll, sprechen sich die meisten Teilnehmer für die Molkerei aus. Sehen Sie das als sinnvoll an, oder steht dieses Ergebnis eher im Kontext zu den aktuell hohen Hürden für den durchschnittlichen Milcherzeuger tatsächlich an der Warenterminbörse handeln zu können?


Sowohl als auch: Die meisten Landwirte verspüren Unsicherheit beim Umgang mit Preisabsicherungsinstrumenten oder haben den Eindruck, dass sich der Einarbeitungsaufwand bei relativ kleinen Produktionsmengen schlicht nicht lohnt. Aus Sicht vieler Landwirte ist es in solchen Fällen naheliegend, sich zusammenzuschließen und dies in Kooperation zu organisieren – beispielsweise, indem ein kompetenter und vertrauenswürdiger Dienstleister beauftragt wird. Molkereigenossenschaften erscheinen vielen Landwirten dabei als natürliche Partner, und einiges spricht dafür, dass Molkereien eingehend prüfen sollten, inwiefern Preisabsicherungsinstrumente als eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Lieferbeziehungen für Sie und Ihre Mitglieder eine Chance bedeuten können.

Ich verstehe jedoch auch die Befürchtungen einiger Molkerei-Geschäftsführer, dass Konflikte hierdurch vorprogrammiert sein könnten. Dies liegt insbesondere daran, dass es sehr stark von einzelbetrieblichen und persönlichen Faktoren (wie beispielsweise Produktionskostenstruktur und persönlicher Risikoneigung) abhängt, wann welche Milchmenge zu welchem Preis abgesichert werden sollte. Geschäftsführung und Vorstände von Molkereien haben hier meist weit weniger Einblick in die Situation eines einzelnen Milchviehbetriebs als beispielsweise die Hausbank oder ein Berater. Es wird also darauf ankommen, den Landwirten seitens der Molkereigenossenschaften transparente und praktikable Absicherungsinstrumente zur Verfügung zu stellen, ohne sich dadurch einem möglichen Interessenskonflikt auszusetzen. Mit anderen Worten: Ich denke, Molkereigenossenschaften sollten individuelle Absicherungsmodelle anbieten, aber mit individuellen Absicherungsempfehlungen wesentlich zurückhaltender sein.

Wie stehen sie zu den Bestrebungen zukünftig auch Rohmilchkontrakte handeln zu können?


Positiv! Aus verschiedenen Befragungen habe ich den Eindruck gewonnen, dass die aktuell verfügbaren Kontrakte von vielen Landwirten als wenig praktikabel wahrgenommen werden. Solche Bedenken sollten im Interesse einer möglichst schnellen Verbreitung von Absicherungsinstrumenten in der Praxis sehr ernst genommen werden. In dieser Hinsicht dürften Rohmilchkontrakte einige Landwirte ansprechen und eventuell auch zu mehr Transparenz auf dem Spotmarkt für Rohmilch führen.

Insbesondere größere Milcherzeuger wünschen sich flexible Lieferbeziehungen. Bei volatilen Märkten pendelt die Milchwirtschaft heute schon zwischen Anbieter und Nachfrager Markt auf der Fertigproduktseite. Wird sich dieses Verhältnis bei Flexibilisierung der Milchlieferbeziehungen eher negativ oder eher positiv auf die Milchrohstoffmärkte auswirken?

Ich sehe flexiblere Lieferbeziehungen insbesondere als eine Möglichkeit zum besseren Mengenmanagement zwischen Molkereien und Landwirten. Dies könnte dazu führen, dass Phasen mit relativ viel Rohstoffmenge im Markt, so wie in den Jahren 2015 und 2016, in Zukunft nicht mehr so lange anhalten.

Das heutige Modell des Rückpreises, sorgt zu einem gewissen Teil auch für eine In-Transparenz. Bei Vorab-Bekanntgabe der Preise wird die Orientierung am Nachbarn einfacher. Wie werden die Auswirkungen zu bewerten sein?


Die Markttransparenz dürfte insbesondere für Landwirte steigen und der Druck auf Molkereigeschäftsführer dürfte zunehmen. Das Problem vieler Molkereigenossenschaften liegt meiner Einschätzung nach jedoch weniger darin, dass die Preisbildung kurzfristig mehr Wettbewerb benötigt, sondern dass langfristig eine höhere Wertschöpfung erzielt werden muss.


Ansprechpartnerin:
Ute Delimat
Kommunikationsberaterin Ware/Agrar
Genossenschaftsverband e.V.
Tel.: 0511 9574-5432
E-Mail



Artikelaktionen