09.05.2019

Genossenschaftliche Regionalbanken als Vorbilder für Großbritannien und Europa

Ein Beitrag von…

Ralf W. Barkey

Der Brexit ist nicht die einzige Herausforderung für Großbritannien. Seit Jahren sind viele britische Unternehmer und Privatkunden unzufrieden mit dem dortigen Bankensystem. Trotz der zahlreichen Finanzinstitute in der „City of London“ gehört der britische Bankenmarkt zu den wettbewerbsärmsten in Europa. Mittelstandskredite werden zu 80 Prozent von den vier größten britischen Banken vergeben. Laut einer Umfrage von vor einigen Jahren zeigten sich nur 13 Prozent der britischen Mittelständler überzeugt, dass diese Institute in ihrem besten Interesse handelten.

Die britische Labour-Partei will Unternehmer und Privatkunden daher besser mit Finanzdienstleistungen versorgen. Mit ihrem jüngsten Vorschlag, der Gründung einer Postbank im öffentlichen Eigentum, setzen die britischen Politiker jedoch auf ein Instrument von unklarem ökonomischem Nutzen. Viel aussichtsreicher wäre die Gründung eines Netzwerks unabhängiger regionaler Kreditinstitute – beispielsweise in genossenschaftlicher Rechtsform.

Nicht zuletzt dank seiner vielen genossenschaftlich organisierten Volksbanken und Raiffeisenbanken gehört Deutschland zu den wettbewerbsstärksten Bankenmärkten der Welt. Regionale Genossenschaftsbanken sind besonders wichtige Akteure im Mittelstandskreditgeschäft. In Deutschland vergeben sie rund ein Drittel aller Mittelstandskredite. Damit engagieren sie sich, umgerechnet auf ihre Bilanzsumme, doppelt so stark für den Mittelstand wie der Durchschnitt der deutschen Banken. Sogar auf dem Höhepunkt der Finanzmarktkrise steigerte die genossenschaftliche Bankengruppe ihre Unternehmenskredite weiter, während viele andere Banken ihre Kreditvergabe reduzierten. Daher ist es insbesondere auch den Genossenschaftsbanken zu verdanken, dass Deutschland ohne Kreditklemme durch die Krise kam.

Dafür gibt es klare Gründe. Zum einen haben die Volksbanken und Raiffeisenbanken eine besonders enge Bindung an ihre Heimatregion. Deswegen nehmen sie bei jeder Kreditentscheidung den Nutzen für die heimische Wirtschaft in den Blick. Aufgrund ihrer guten Kenntnis der Kreditnehmer und des regionalen Umfelds können sie zudem zuverlässig beurteilen, ob Unternehmen dazu fähig sind, eine Konjunkturkrise zu meistern. Als Genossenschaftsbanken sind die Volksbanken und Raiffeisenbanken darüber hinaus ihren regionalen Mitgliedern verpflichtet und halten ihnen auch deswegen über alle Konjunkturphasen hinweg die Treue.

Auch die öffentlichen Förderbanken, die die britische Labour-Partei zusätzlich gründen will, hätten durch ein Netzwerk an regionalen Kreditinstituten in genossenschaftlicher Rechtsform deutlich größere Erfolgschancen. Dies zeigt das Beispiel Deutschlands, wo die Volksbanken und Raiffeisenbanken mit ihrer hervorragenden Kenntnis der regionalen Wirtschaft wichtige Partner der Förderinstitute sind. Als Hausbanken prüfen sie gewerbliche oder private Kreditbewerber, beurteilen ihre Pläne und entscheiden, ob sie ihre Vorhaben begleiten und Anträge auf Fördermittel stellen.

Vorschläge wie die der britischen Labour Party bedürfen der Weiterentwicklung. Auf diese Weise könnten sie eine breitere Diskussion über Bankenmodelle anstoßen, die die Interessen aller Beteiligten berücksichtigen und nicht nur das Gewinnmaximierungsinteresse einzelner Bankeneigentümer. Entsprechende Denkanstöße – nicht nur im Hinblick auf Großbritannien – haben wir in einem Positionspapier zusammengefasst.

In Großbritannien gibt es übrigens schon Vorstöße aus der Zivilgesellschaft zur Etablierung eines regionalen genossenschaftlichen Bankensystems. Einen Beitrag hierzu hat die renommierte Royal Society of Arts veröffentlicht. Das dazugehörige Video bringt den Nutzen regionaler genossenschaftlicher Bankenmodelle schön auf den Punkt.