Kein Winterschlaf für Agrargenossenschaften!

Von links: Olaf Feuerborn, Bauernpräsident Sachsen-Anhalt, DRV-Präsident Franz-Josef Holzenkamp, Vorstandsmitglied René Rothe. Bild: Simone Roscher

Zum Auftakt der Winterschulungen des Genossenschaftsverbandes in Paaren im Glien wurden drängende Fragen der Agrargenossenschaften, wie die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), Pläne zur Bodenmarktregulierung oder Marktperspektiven der Mitglieder unter anderem mit dem Präsidenten des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), Franz-Josef Holzenkamp und Landesbauernpräsident Olaf Feuerborn diskutiert. Von den Referenten gab es sowohl praxisnahe Tipps, als auch klare Kanten zu politischen Themen.

Hannover, 02.11.2017: In seiner heutigen Eröffnungsrede skizzierte René Rothe, Vorstandsmitglied des Genossenschaftsverbandes – Verband der Regionen e.V., zentrale Herausforderungen der Mitglieder: „Eine zunehmend kritische Einstellung der Gesellschaft gegenüber der modernen Landwirtschaft ist zu einem zentralen politischen Thema geworden, das wir als Verband ernst nehmen müssen. Gleichzeitig können genossenschaftliche Unternehmen aber ganz vorne mithalten, wenn es um Sicherheit und Vertrauen bei der Erzeugung und Produktion von Lebensmitteln am Standort Deutschland geht. Markenzeichen sind die regionale Verankerung und der enge Kontakt mit Kunden und Mitgliedern. Entscheidend ist die Tatsache, dass gesellschaftliche Anforderungen durch den Markt und die Verbraucher getragen werden.“

Mit Blick auf die künftige Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik und der noch offenen Frage über die Zukunft der Direktzahlungen unterstrich Rothe die Position des Genossenschaftsverbands. „Eine stärkere Umverteilung der EU-Direktzahlungen zugunsten der ersten Hektar würde die Benachteiligung der Agrargenossenschaften als Mehrfamilienbetriebe nach derzeitiger Rechtslage verschärfen.“ Auch DRV-Präsident Holzenkamp sieht in den bevorstehenden Weichenstellungen der GAP insbesondere mit Blick auf eine mögliche Umverteilung der Direktzahlungen und einer stärkeren Ausrichtung an Umweltzielen noch einen schweren Weg zu gehen. Gleichzeitig zeigte sich Holzenkamp kämpferisch, „dass man angesichts dieser Orientierung auf die besondere Rolle der Agrargenossenschaften als Mehrfamilienbetrieb und als kooperative Form der Landwirtschaft bestehen werde.“

Politischen Plänen zur Änderung der genossenschaftlichen Lieferbeziehungen und zur Regulierung des Bodenmarkts, wie zuletzt in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, erteilen der Genossenschaftsverband und der Deutsche Raiffeisenverband e.V. eine Absage. „Wir lehnen willkürliche Grenzziehungen auf den Boden- und Pachtmärkten ab. Auch die verfehlte Entlehnung von wettbewerbsrechtlichen Kategorien wie „marktbeherrschende Stellung“ in einer Dorfgemarkung führt – wie sich gezeigt hat – in der agrarstrukturpolitischen Diskussion heute nicht wirklich weiter“, so Franz-Josef Holzenkamp.

Beim Thema Regulierung warb der Landesbauernpräsident Olaf Feuerborn aus Sachsen-Anhalt um Verständnis bei der Politik. „Wir erkennen als Berufsstand an, dass sich politische und gesellschaftliche Ansprüche an die Landwirtschaft ändern und setzen Forderungen um. Gleichzeitig betonen wir jedoch, dass Veränderungen landwirtschaftlicher Produktion einen verlässlichen Rechtsrahmen sowie Zeit benötigen. Ein Beispiel dazu kann das EEG sein, wo vor fast 20 Jahren Grundlagen gelegt wurden, die heute an vielen Stellen in Frage gestellt werden“, so Feuerborn. Aus seiner Sicht ist die ausufernde Bürokratie zunehmend zu einem Risiko geworden. „Mit ihr wird versucht, einen natürlichen Prozess wie die Herstellung von Nahrungsmitteln in ein formales und stetig überprüfbares Korsett zu bringen. Das versuchen wir als Berufsstand der Politik immer wieder deutlich zu machen und weisen darauf hin, dass die Betriebe auch in der Lage sein müssen, dieses alles bewältigen zu können.“

Um Wertschöpfung in einem strukturschwachen Bundesland zu sichern, sieht Feuerborn im Export von hochqualitativen Erzeugnissen eine zentrale Perspektive: „In Sachsen-Anhalt sind wir eine von den natürlichen Standortgegebenheiten begünstigte Region für die Erzeugung von Nahrungsmitteln. Dieser Verantwortung haben wir uns zu stellen und der politische Trend, dass die Produktion von Nahrungsmitteln auf den regionalen Eigenbedarf herunterzufahren ist, kann von uns nicht mitgetragen werden. Wir leben auch in der Landwirtschaft in einem Europa der offenen Märkte und können uns nicht gegenüber anderen Marktteilnehmern abschotten, noch wollen wir unseren Konsumenten vorschreiben, was und zu welchem Preis sie zu kaufen haben. Das entscheiden Konsumenten selbständig. In der Konsequenz erwarten wir von der Politik, dass nicht dauerhaft kostenträchtige Verschärfungen für die Landwirtschaft erfunden werden und auf der Gegenseite die Einnahmenseite nicht mitwächst. Das führt die Unternehmen in nicht lösbare wirtschaftliche Situationen“, so Feuerborn wörtlich.

Bereits zum vierten Mal wird zu Beginn der Winterschulungen in einer Eröffnungsveranstaltung über zentrale Themen und Herausforderungen diskutiert. Das sich anschließende Fortbildungsprogramm für Agrargenossenschaften bietet anwendungsbezogenes Praxis-Wissen zu einzelnen Betriebszweigen. Die Schwerpunkte liegen dabei auf Strategien für eine zukunftsweisende Ausgestaltung der Unternehmensform Agrargenossenschaft.

Der Genossenschaftsverband – Verband der Regionen e.V. vertritt die Interessen von rund 2.900 Mitgliedsunternehmen in 14 Bundesländern, die zusammen rund 8 Millionen Mitglieder haben. Zudem ist er für seine Mitgliedsgenossenschaften Prüfungs- und Beratungsverband sowie Bildungsträger. Als moderner Dienstleister betreut der Verband Unternehmen aus den Bereichen Kreditwirtschaft, Landwirtschaft, Handel, Gewerbe und Dienstleistungen sowie Energie, Versorgung und Immobilien. Der Genossenschaftsverband hat Verwaltungssitze in Neu-Isenburg, Düsseldorf und Hannover. Dazu kommen die Standorte in Baunatal, Berlin, Forsbach, Koblenz, Leipzig, Münster, Rendsburg und Schwerin.

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Presse- und Öffentlichkeitsarbeit / Politische Interessenvertretung

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