23.02.2017

Auf dem Weg zum gläsernen Landwirt? Digitalisierung kontrovers diskutiert

Magdeburg, 23.02.2017 – Die Digitalisierung wird die Verbraucher näher an den Hof bringen, die Produktion wird in allen Facetten gläsern. Durch ein leistungsfähiges Datenmanagement der Betriebe gilt es, gewünschte Transparenz zu schaffen und gleichzeitig die Datenhoheit des Landwirts zu wahren. Dies war ein Fazit des landwirtschaftlichen Unternehmertags der Volksbanken und Raiffeisenbanken mit fast 700 Teilnehmern im Maritim Hotel Magdeburg.

Staatssekretär Dr. Ralf-Peter Weber vom Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie würdigte die Agrarbranche in Sachsen-Anhalt als ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor und Landschaftsgestalter. Als Ziel der Landesregierung in der Digitalisierung hob er die Bereitstellung leistungsfähiger Datennetze gerade auch für den ländlichen Raum hervor. 200 Mio. Euro stünden für den Ausbau in den nächsten 5 Jahren bereit. Wenn das betreffende Förderprogramm gut angenommen werde, wolle die Landesregierung „nachsteuern". Die Digitalisierung sieht der Staatsekretär als Chance für eine bessere Kommunikation zwischen Erzeugern und Konsumenten. Er forderte die Landwirte auf, die Potenziale der Technologie aktiv zu nutzen.

Auf die Bedeutung der Landwirtschaft für die wirtschaftliche Entwicklung Sachsen-Anhalts im ländlichen Raum wies zu Beginn Uwe Fabig, Mitglied des Vorstands der Volksbank Magdeburg eG, hin: „Die Agrarbetriebe prägen auf vielfältige Weise unser Bundesland, nicht zuletzt als zuverlässige Arbeitgeber in eher strukturschwachen Regionen. Mehr als ein Fünftel des gesamten Kreditvolumens der Volksbanken und Raiffeisenbanken fließen in diesen Sektor. 2016 ist es um fast 10 % gewachsen und damit beinahe doppelt so stark wie das gewerbliche Kreditgeschäft insgesamt." Fabig kritisierte die nach seiner Ansicht fehlende gesellschaftliche Anerkennung dafür, „dass Bäuerinnen und Bauern seit Jahrhunderten verantwortungsvoll mit den ihnen anvertrauten Böden, Wiesen und Wäldern umgehen."

Für Dr. Bernd Scherer, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des VDMA Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, ist die Digitalisierung ein „Chancenthema, das wir in Deutschland aus der Risikoecke holen müssen. Ängste um Datenschutz und -sicherheit bestimmen zu sehr die Diskussion." Mit dem Schlagwort „Landwirtschaft 4.0" verbindet er Möglichkeiten für neue Produkte, effiziente Prozesse in der Produktion und neue Geschäftsmodelle. Die Entwicklung werde nicht nur von traditionellen produzierenden Unternehmen wie John Deere getrieben, sondern auch von „den Googles dieser Welt. Als konkrete Anwendungsbeispiele nannte Scherer u.a. Sensoren im Stall sowie Funksensoren unmittelbar am Tier. „Der Landwirt hat die Datenhoheit", kommentierte er Sorgen, wonach den Erzeugern bald nur noch die Hardware gehören könnte.

Miriam Taenzer, Referentin Landwirtschaft und Touristik beim IT-Verband der Bitcom, verwies auf einen Rückstand Sachsen-Anhalts bei der Breitbandverfügbarkeit. Problem in den ländlichen Räumen seien die hohen Erschließungskosten bei einer geringen Haushaltsdichte. Spürbare Fortschritte erwartet sie von der neuen Mobilfunktechnologie 5 G, aber wohl erst ab 2020. Sie berichtete von einer Umfrage ihres Verbands unter Landwirten zu Szenarien für 2030: Demnach erwarten 86 %, dass die Verbraucher die Produkte auf digitalem Weg zurückverfolgen werden. 49 % rechnen mit fahrerlosen Traktoren oder Mähdreschern. Taenzer zufolge sehen zwei Drittel der Landwirte die Digitalisierung eher als Chance.

Karl-Heinz Krudewig, Produktmanager des Softwarehauses 365Farmnet, erläuterte die Herausforderung die anfallenden Datenmengen so zu konsolidieren, dass die Betriebsleiter diese auch sinnvoll nutzen könnten. „Wir müssen Herr der Daten bleiben, um Datenhoheit und Datenautonomie zu sichern." Es gelte, diese Ziele genau zu definieren: „Transparenz bedeutet nicht, dass wie auf Facebook jeder alles automatisch sieht." Diese Entscheidungen müsse immer der Mensch treffen. Der Hauptgeschäftsführer des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt, Marcus Rothbart, betonte, am Ende bleibe immer die fachliche Kompetenz des Landwirts entscheidend. Die Digitalisierung sei lediglich Instrument für den Landwirt, um Ziele zu erreichen. Der Agrarblogger Marcus Holtkötter alias „Bauer Holti" betonte die Chancen der neuen Medien für die Landwirtschaft in gesellschaftlichen Debatten: „Sie geben uns endlich die Möglichkeit, schnell auf neue Geschehnisse und rechtzeitig in der Berichterstattung mit unseren Positionen aufzutauchen."