08.05.2019

Die 7 Mythen der Kapitalmarktfinanzierung

Die EU will die Unternehmensfinanzierung über den Kapitalmarkt vorantreiben. Dabei läuft sie jedoch Gefahr, den Nutzen zu überschätzen, den diese für die mittelständischen Unternehmen bietet. Für die meisten kleineren Unternehmen kommen Anleihen und ähnliche Finanzinstrumente zum Beispiel gar nicht in Frage. Zudem bergen solche Papiere Risiken – sowohl für die Anleger als auch für die Unternehmen, die sie auflegen.

Die "7 Mythen der Kapitalmarktfinanzierung" gibt es hier auch als Cartoon!

Mythos Nr. 1: „Anleihen sind kostengünstiger als Bankkredite“
Wirklichkeit: Unternehmen, die sich am Kapitalmarkt finanzieren, müssen aufwändige interne Strukturen unter anderem für Berichts- und Rechnungswesen sowie Finanzkommunikation aufbauen. Deswegen lohnt sich eine direkte Kapitalmarktfinanzierung meist erst ab etwa 50 Mio. Euro Jahresumsatz, so eine Schätzung des genossenschaftlichen Zentralinstituts DZ BANK. Diese Schwelle erreichen nur 0,3 Prozent der deutschen Unternehmen.


Mythos Nr. 2: „Der Kapitalmarkt erhöht die Finanzierungssicherheit der Unternehmen“

Wirklichkeit: Müssen Anleihen oder Schuldscheine in einer schlechten Kapitalmarktphase refinanziert werden, zahlt das Unternehmen möglicherweise sehr hohe Zinsen – oder findet gar keine Geldgeber. Regionale Banken dagegen halten soliden mittelständischen Kreditkunden auch in Rezessionen die Treue, wie zum Beispiel eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ﴾OECD﴿ ergeben hat.


Mythos Nr. 3: „Mittelstandsanleihen sind für Privatanleger empfehlenswert“

Wirklichkeit: Seit 2010 wurden in Deutschland rund 150 Mittelstandsanleihen auf den Markt gebracht. Doch rund 50 Anleihen sind mittlerweile leistungsgestört, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" 2017 unter Berufung auf die Beratungsgesellschaft Capmarcon berichtete. In mehreren Fällen besteht der Verdacht auf Bilanzmanipulation, Insolvenzverschleppung oder Betrug.

Mythos Nr. 4: „Die Mittelstandsfinanzierung über den Kapitalmarkt funktioniert in den USA hervorragend“

Wirklichkeit: Nicht einmal jeder 20. US-Mittelständler finanziert sich über Kapitalmarktinstrumente, so eine Studie des US-Mittelstandsverbands NSBA. Dagegen nahmen 50 Prozent der kleinen US-Unternehmen innerhalb von zwölf Monaten Kredite bei Banken auf. Mehr als die Hälfte der Bankkredite stammt von US-Kreditgenossenschaften oder kleinen, regionalen privaten Banken ("Community Banks"). Gemessen an ihrer Größe, sind kleine Kreditinstitute damit weit überproportional wichtig für den amerikanischen Mittelstand.


Mythos Nr. 5: „Wenn sich mittelständische Unternehmen am Kapitalmarkt finanzieren, wird das Finanzsystem gestärkt, weil Banken weniger Risiko tragen“

Wirklichkeit: Firmenanleihen werden auch von Hedgefonds und anderen sogenannten „Schattenbanken“ gekauft, die intransparent und kaum kontrolliert sind. Regionalbanken dagegen sind in der Regel nicht systemrelevant, werden aber streng reguliert und beaufsichtigt. Volksbanken und Raiffeisenbanken werden zudem regelmäßig von genossenschaftlichen Prüfungsverbänden wie dem Genossenschaftsverband – Verband der Regionen e. V. geprüft und – im Sinne genossenschaftlicher Selbstorganisation – von ihren Mitgliedern demokratisch kontrolliert.


Mythos Nr. 6: „Anleihen sind sicherer als Bankkredite, weil Investoren die Risiken überregional streuen können“

Wirklichkeit: Auch die deutschen Genossenschaftsbanken streuen – mit Hilfe ihrer zentralen Dienstleister – einen Teil ihrer Risiken überregional. Viel wichtiger ist jedoch, dass Mittelstandsfinanzierer langfristig denken und ihren Markt kennen. Dass geographische Risikostreuung allein keine Krisen verhindert, hat der Crash der US-Subprime-Hypotheken gezeigt.


Mythos Nr. 7: „Das deutsche Bankensystem ist ein nationaler Sonderweg – die Zukunft gehört der Kapitalmarktfinanzierung britisch-amerikanischer Prägung“

Wirklichkeit: Menschen in Europa erkennen die Vorzüge regionaler Banken. In Ländern wie Großbritannien, Irland, Belgien oder Spanien bemühen sich Bürger in Eigeninitiative um die Neugründung von regionalen Kreditinstituten. Damit wollen sie vor allem die Finanzierung mittelständischer Unternehmen stärken – und als wichtiges Vorbild dient der deutsche Bankenmarkt.

Ansprechpartner

Stefanie Schulte

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit / Politische Interessenvertretung

0211 16091-4659 stefanie.schulte@­genossenschaftsverband.de