Kreditklemmen genossenschaftlich lösen – Sechs Denkanstöße für die EU

Rund ein Jahrzehnt nach der Pleite von Lehman Brothers bleiben viele Probleme des europäischen Finanzsektors ungelöst. Helfen könnte der Neuaufbau regionaler, genossenschaftlicher Bankensysteme in europäischen Ländern – angelehnt an das Vorbild der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken.

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1. Seit den milliardenteuren staatlichen Rettungsprogrammen für große internationale Geschäftsbanken hat in der EU die Marktmacht der größten Kreditinstitute weiter zugenommen. So haben die fünf größten Bankkonzerne im Euroraum inzwischen einen Marktanteil von rund 48 Prozent, 4 Prozentpunkte mehr als im Krisenjahr 2008 (Quelle: Report on financial structures der EZB, Oktober 2016).

2. Da private internationale Großbanken vergleichsweise wenige Firmenkredite vergeben, fehlen dem Mittelstand in vielen EU-Ländern Finanzierungsmöglichkeiten. 24 Prozent der Mittelständler in Griechenland und jeweils etwa 12 Prozent in Irland, Italien, Portugal und den Niederlanden nennen den Zugang zu Finanzierungsmitteln als ihr „drängendstes Problem“ (Quelle: Survey on the access to finance of enterprises der EZB, September 2016). In Deutschland dagegen beträgt diese Quote nur 6 Prozent. Hier profitiert der Mittelstand von der starken Präsenz regionaler Genossenschaftsbanken und Sparkassen. Deutsche Statistiken bestätigen dies: Laut Daten der Bundesbank machen Firmenkredite bei den vier privaten deutschen Großbanken nur durchschnittlich rund 8 Prozent der Bilanzsumme aus. Bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken sind es dagegen rund 30 Prozent.

3. Der Vorschlag der EU-Kommission, die Mittelstandsfinanzierung vorrangig über eine Stärkung des europäischen Kapitalmarktes zu verbessern, ist wenig zielführend. Von Kapitalmarktinstrumenten profitieren vor allem größere Unternehmen. So kommt eine direkte Kapitalmarktfinanzierung laut Daten der DZ BANK nur für etwa 0,3 Prozent aller Mittelständler infrage. Verbriefungen von Mittelstandskrediten, eine indirekte Form der Kapitalmarktfinanzierung, stellen eine riskante Alternative dar – insbesondere dann, wenn es vor Ort kaum regionale Banken gibt. Für eine verantwortungsvolle Kreditvergabe ist eine gute Kenntnis der mittelständischen Kreditnehmer und ihrer Märkte erforderlich.

4. Ein sinnvolles Modell für die Mittelstandsfinanzierung in der EU sind die deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Diese „small enough to fail“-Banken haben sich im historischen Rückblick in starken wie schwachen Konjunkturphasen als verlässliche Unternehmensfinanzierer präsentiert. Hierfür sorgen unter anderem die Genossenschaftsmitglieder, die häufig selbst regionale Unternehmer sind. Dass die Genossenschaftsbanken als einzige deutsche Bankengruppe ohne Staatshilfe ausgekommen sind, liegt auch an den bewährten Kontrollmechanismen, darunter die genossenschaftliche Institutssicherung sowie die Pflichtprüfung durch die genossenschaftlichen Prüfungsverbände.

5. Auch in anderen Teilen der EU gab es in der Vergangenheit kleinere Banken – häufig in genossenschaftlicher Rechtsform –, deren Geschäftsmodell klar an der regionalen Mittelstandsfinanzierung ausgerichtet war. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich diese Bankensysteme jedoch von dem ursprünglichen Modell wegentwickelt – zum Nachteil des regionalen Mittelstands. Genossenschaftliche Regionalbanken in solchen Ländern wieder aufzubauen, würde eine Rückkehr zu historischen Wurzeln bedeuten. Der deutsche genossenschaftliche Bankensektor kann als Modell für eine erfolgreiche Modernisierung dienen, die die Primärbanken als regional tätige und wirtschaftlich eigenständige Institute stärkt: durch die bewährte Verbund-Arbeitsteilung beispielsweise in der IT, im Asset Management, Bauspar-, Versicherungs- und Konsumentenkreditgeschäft. Hinzu kommen Liquiditätsausgleich und Risikotransfer als wichtige Dienstleistungen des genossenschaftlichen Zentralinstituts DZ BANK sowie die bewährten Stabilisierungsinstrumente Sicherungseinrichtung und genossenschaftliche Pflichtprüfung.

6. Damit die Mittelstandsfinanzierung in Europa nicht geschwächt wird, muss die EU prüfen, welche regulatorischen Vorgaben kleine, solide und risikoarme Regionalbanken unnötig belasten. Die Bankenregulierung muss sowohl auf die Größe als auch auf das Geschäftsmodell jeder Bank zugeschnitten sein. Hier unterscheiden sich kleine, lokal oder regional ausgerichtete Kreditinstitute deutlich von börsennotierten Großbanken. Deswegen weist die auf EU-Ebene diskutierte Idee einer "Small Banking Box" in die richtige Richtung.

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