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Im Fokus: Genossenschaftliche Kirchenbanken | Veröffentlicht am 24.04.2018

"Raiffeisen hat Lebensperspektiven für Millionen von Menschen geschaffen"

Foto:www.raiffeisen2018.de

GENiAL sprach mit Dr. Holger Martens, Vorstand der Historiker-Genossenschaft eG, über die Bedeutung des Protestantismus für das Werk des Genossenschaftsgründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen.

Herr Dr. Martens, 200 Jahre nach seinem Geburtstag ist Raiffeisen noch immer in aller Munde. Was ist das Verdienst dieses Mannes?

Martens: Wenn wir uns in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückversetzen, dann müssen wir sehen, dass es neben der Industrialisierung mit ihren Chancen einen enormen Bevölkerungszuwachs gab, mit dem weder die landwirtschaftliche Produktion noch die Bereitstellung von Arbeitsplätzen in den neuen Industrien Schritt halten konnte. Die Folge waren insbesondere nach Missernten Hungersnot, Massenelend und Massenauswanderung. Friedrich Wilhelm Raiffeisen hat mit seinen Ideen wesentlich zur Entwicklung des ländlichen Raums beigetragen und damit Lebensperspektiven für viele Millionen Menschen geschaffen.

Raiffeisen galt als christlich-konservativ und war stark vom Protestantismus des 19. Jahrhunderts geprägt. Trotzdem wurde er zu einem der wichtigsten Initiatoren eines heute immer noch hochmodernen Finanzverbundes. Wie passt das zusammen?

Martens: Gerade weil Friedrich Wilhelm Raiffeisen tief in den Wertvorstellungen des Protestantismus verwurzelt war, sah er es als seine Aufgabe an, der Verelendung großer Teile der Bevölkerung entgegenzutreten und nach Lösungen zu suchen. Das im Mittelalter im Christentum ausgeprägte Zinsverbot spielte keine Rolle mehr. Es ist auch nicht der Grund dafür, dass es an Strukturen für den Geldverkehr fehlte. Es war einfach nicht lukrativ, auf dem Land eine Bank zu eröffnen, wo das Elend herrschte.

Hier setzte Raiffeisen erfolgreich auf die Idee der genossenschaftlichen Selbsthilfe. Vor Ort taten sich die Menschen zusammen, gründeten einen Kreditverein und ermöglichten so auch das Sparen von Kleinstbeträgen und die Ausgabe von Kleinkrediten. Dass sich das Modell der Raiffeisenbanken auf ganz Deutschland ausdehnte, zeigt die ganze Innovationskraft der Idee. Die Kreditgenossenschaften wurden damit zum Motor der Modernisierung der Landwirtschaft in Deutschland. Durch die Konzentration auf die Region und die daraus resultierende örtliche Verbundenheit ist das Modell bis heute erfolgreich geblieben.

Neben seinen Präferenzen für eine zentralistische Organisation führte auch die starke Betonung christlicher Werte zu Streit mit dem Genossenschaftsgründer Hermann Schulze-Delitzsch und zur Abspaltung ländlicher Genossenschaften unter Wilhelm Haas. Was bedeutete das für die damals noch junge Raiffeisen-Organisation?

Martens: Alle drei waren starke Persönlichkeiten. So war es offenbar unmöglich, unter einem Dach zusammenzuarbeiten. Hermann Schulze-Delitzsch hatte als Wirtschaftsliberaler ganz andere politische Ziele und konzentrierte sich auf gewerbliche Genossenschaften in den Klein- und Mittelstädten.
Schmerzhafter war schon die Abspaltung unter Haas. Dieser agierte flexibler und handelte weniger dogmatisch, heute würde man sagen am Kunden orientiert, sodass seine Organisation deutlich mehr Zulauf hatte. 1928 gehörten der Haas-Richtung gut 26.000 Genossenschaften an, mehr als dreimal so viele wie dem Raiffeisen-Verband. Nach dem Tod von Raiffeisen 1888 näherten sich beide Verbände an. Aber erst die Krise in der Landwirtschaft in den 1920er Jahren führte mit staatlicher Unterstützung 1930 zum Zusammenschluss unter dem Namen: Reichsverband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften – Raiffeisen – e. V. Schon die Namensgebung zeigt, dass das verbindende Element die Genossenschaftsidee von Friedrich Wilhelm Raiffeisen war.

Wie lässt sich der enorme Erfolg dieser Organisationsform weltweit, vor allem auch in Asien, erklären?

Martens: Viele Entwicklungsländer stehen heute an der Schwelle zur Industrienation – wie damals auch Deutschland. Deutschland hatte zu Raiffeisens Zeiten stetiges Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, das die Nachfrage nach Lebensmitteln steigen ließ. Auf dem Land fehlte es jedoch an Strukturen, die die finanziellen Mittel für Innovationen zur Verfügung stellten. Deshalb blieb die Modernisierung der Landwirtschaft aus und die Entwicklung des ländlichen Raums fiel gegenüber den Industriestandorten zurück. Raiffeisens Ideen lösten das Problem und leiteten damit einen Modernisierungsschub ein. Sein Modell findet bis heute bei der Entwicklung rückständiger Landwirtschaften auf der ganzen Welt Nachahmung. In der Entwicklungspolitik spricht man heute von der Notwendigkeit, Mikrokredite zu vergeben. Das ist Raiffeisen pur.

Die Genossenschaftsbanken waren die einzige Bankengruppe in Deutschland, die in der zurückliegenden Banken- und Finanzmarktkrise ohne Staatshilfe auskam. Verdanken wir ihre Stabilität auch Raiffeisen?

Martens: Ja, da bin ich mir ganz sicher. Die Genossenschaftsbanken stehen bis heute für eine Werteorientierung, bei der die Gewinnmaximierung nicht alles ist, und sie tun gut daran, dieses Erbe zu pflegen. Genossenschaften zeichnen sich durch die regionale Verbundenheit aus. Es geht darum, die lokale Wirtschaft zu unterstützen, zu fördern und zu betreuen. An diesem Prinzip hat sich seit 150 Jahren nichts geändert. Das ist eine Tradition, auf der sich Vertrauen aufbauen lässt. Auch wenn heute die Selbsthilfe weniger im Vordergrund steht, so sind doch das soziale Engagement und die Ausrichtung an den Bedürfnissen der Menschen ganz im Sinne von Raiffeisen geblieben.

Der Historiker hat eine Reihe von Publikationen zur Genossenschaftsgeschichte herausgegeben:

Holger Martens: Anders Wirtschaften – genossenschaftliche Selbsthilfe, in: Kapitalismus und Alternativen, Aus Politik und Zeitgeschichte, 65. Jahrgang, 35-37/2015, 24.8.2015, S. 40-46.

Holger Martens: Genossenschaftliche Identität als kulturelles Erbe, in: Genossenschaftliche Identität und Wachstum, Bericht der XVII. Internationalen Genossenschaftswissenschaftlichen Tagung IGT 2016b in Luzern, Hrsg. Franco Taisch, Alexander Jungmeister, Hilmar Gernet, St. Gallen 2016, S. 306-317.

www.historikgergenossenschaft.de


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