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Im Fokus: Genossenschaften gründen Genossenschaften

Wie du mir, so ich dir

UGV – drei Buchstaben, ein Ziel: Solidarität. Denn der Umgekehrte Generationenvertrag ist ein Finanzierungsmodell, das jedem unabhängig vom Geldbeutel ein Studium ermöglicht. Einst erfunden an der privaten Universität Witten/Herdecke, macht das Motto „Erst studieren, später zahlen“ längst bundesweit Schule. Der CHANCEN eG, von der GLS Gemeinschaftsbank eG mit auf den Weg gebracht, sei Dank.

Florian Kollewijn muss zunächst in die Geschichte reisen, um von den Anfängen des Umgekehrten Generationenvertrages (UGV) und schließlich der Gründung der CHANCEN eG zu erzählen. Als der gebürtige Berliner 2010 an der Universität Witten/Herdecke sein Studium der Philosophie, Politik und Ökonomik sowie der Wirtschaftswissenschaften beginnt, gibt es den UGV dort bereits 15 Jahre. Schon 1995, als die Uni Studiengebühren einführte, hat ihn die StudierendenGesellschaft aus der Taufe gehoben. Ziel des gemeinnützigen, von aktiven Studierenden geführten Vereins war und ist es, eine sozialverträgliche Finanzierung des Studiums in Witten sicherzustellen. Das Zauberwort dazu lautet Umgekehrter Generationenvertrag. Er ermöglicht es, neben monatlichen Beitragszahlungen während des Studiums erst nach dem Start ins Berufsleben und jeweils einkommensabhängig mit der Rückzahlung zu starten – und somit wieder das Studium der nächsten Generation mitzufinanzieren. „Dieses Modell hat mich damals voll überzeugt“, sagt Florian Kollewijn. Er wurde schließlich nicht nur Nutzer des UGV, sondern auch Vorstand der StudierendenGesellschaft.
Durch das Wachstum der Universität Witten/Herdecke und den dadurch gestiegenen Finanzierungsbedarf hat diese im Jahr 2014 zur weiteren Vorfinanzierung die Emission einer börsennotierten Anleihe von 7,5 Millionen geplant. Partner war die Hausbank der StudierendenGesellschaft, die GLS Gemeinschaftsbank eG in Bochum. Sie begleitete die Studenten bei der Platzierung der „StudierendenAnleihe“. „Das war ein tolles und vor allem spannendes Projekt“, sagt Karsten Kührlings, Abteilungsleiter Investmentfonds & Research der GLS Gemeinschaftsbank eG.

Enorme Resonanz
Die Resonanz der Kunden – von Kleinanlegern über Stiftungen bis zu Privatpersonen – war enorm. „Der Erfolg der Anleihe war schließlich auch Auslöser dafür, das Modell des Umgekehrten Genrationsvertrages bundesweit anzubieten“, erzählt Florian Kollewijn. Dafür kamen seinerzeit alle notwendigen Partner zusammen: die GLS Gemeinschaftsbank eG, die das Modell ausgründen und an anderen Hochschulen anbieten wollte; einzelne Stiftungen, die dieses Vorhaben mit erstem Kapital unterstützen wollten; und nicht zuletzt interessierte Partnerhochschulen.
Dass bei der Gründung der CHANCEN eG dann die Rechtsform der Genossenschaft gewählt wurde, hatte mehrere Gründe: „Zum einen sollte das solidarische Wittener Finanzmodell, das ja auch von einer Mitgliederorganisation geführt wird, soweit wie möglich übernommen werden. Zum anderen passte die genossenschaftliche Rechtsform perfekt, denn sie ist ja traditionell-historisch ebenso ein Solidar- und Kooperationsmodell“, erläutert Karsten Kührlings. Der Banker hat die Gründer in der Planungs- und Anfangsphase gemeinsam mit Joachim Rang von der GLS Treuhand eng begleitet und ist zudem Gründungsmitglied. Mit einem Kapital von einer Million Euro ging die CHANCEN eG schließlich im Februar 2016 an den Start. Die beiden Gründer Florian Kollewijn und Olaf Lampson, auch er einstiger Wittener Student und Profiteur des UGV, sind seither Vorstände. Heute, knapp zweieinhalb Jahre später, bietet die CHANCEN eG ihr Finanzierungsmodell an mittlerweile elf privaten Universitäten sowie drei Ausbildungsinstituten an. Das Prozedere ist überall gleich:
Der UGV ist für jeden Studierenden der kooperierenden Bildungsinstitutionen frei zugänglich. Es gibt lediglich ein Bewerbungsgespräch. Die finanzielle Situation der Eltern oder ein Nachweis an Bedürftigkeit spielen dabei eine Rolle.
Jeder, der gefördert wird, muss Genossenschaftsmitglied werden und einen Anteil in Höhe von 100 Euro erwerben.
Während des Studiums übernimmt die CHANCEN eG die Studienbeiträge, die Studierenden können sich voll auf ihr Studium konzentrieren.
Nach Abschluss zahlen geförderte Studierende einen zuvor festgelegten Anteil ihres Einkommens an die Solidargemeinschaft zurück. Anders als bei einem Kredit gibt es keine fixe Schuldenlast: Wer viel verdient, zahlt mehr, wer weniger verdient, zahlt weniger zurück.
Erst beim Überschreiten der Mindesteinkommensgrenze von 21.000 Euro netto jährlich starten die Rückzahlungen. Zugleich ist der Beitrag nach oben gedeckelt: Ein hohes Einkommen bedeutet daher nicht eine extrem hohe Rückzahlung. Im Durchschnitt gleichen sich die unterschiedlichen Rückzahlungen im Solidarmodell aus.

Jeder kann mitmachen
Bildung in dieser Form zu ermöglichen kann jeder Interessierte. Wer Mitglied der CHANCEN eG werden will, muss mindestens fünf Anteile à 100 Euro erwerben. Die Investoren erhalten eine jährlich fixe Rendite, verbunden mit gesellschaftlicher Wirkung. „Wir möchten ein Vorbild sein in der Verbindung von professionellem Geschäft und sinnvollem Investment im Bildungsbereich“, sagt Florian Kollewijn.
Die Nachfrage und der Zuspruch sind groß – sowohl bei den Studenten wie auch bei den Partnerhochschulen. Um die 400 Studentinnen und Studenten machen derzeit vom UGV der CHANCEN eG Gebrauch, Tendenz steigend. „Wir haben mehr Bewerbungen, als wir derzeit bedienen können“, sagt Florian Kollewijn. Daher setzt die CHANCEN eG auf Expansion – nicht nur monetär, sondern auch inhaltlich und geografisch.
Anfang dieses Jahres wurde die CHANCEN International gGmbH aus der Taufe gehoben. Die gemeinnützige, hundertprozentige Tochtergesellschaft der CHANCEN eG ermöglicht seit Juni 420 Frauen am Akilah Institut in Kigali (Ruanda) ein Studium in den Fächern IT, Hotelmanagement und Entrepreneurship. Ihre Studiengebühren werden zunächst über Spenden finanziert. Durch die einkommensabhängigen Rückzahlungen der ersten Studierenden wird dann der folgenden Generation wieder ein Studium ermöglicht. „Neben dem Ausbau der internationalen Partnerschaften ist es zudem unser Wunsch und Ziel, mit weiteren Hochschulen in Deutschland zu kooperieren und auch die Gebührenfinanzierung von deutschen Studenten im EU-Ausland auszuweiten“, so Florian Kollewijn. Und auch wenn dies vorerst noch Zukunftsmusik ist, kann sich der Gründer auch eine Finanzierung von Lebenshaltungskosten und damit eine Ausweitung des Modells auf staatliche Hochschulen vorstellen. Mit einer guten Idee fängt schließlich so manch erfolgreiche Geschichte an.

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