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Bundesland-Spezial Hessen

Beerenstark

© Reinhard Antes, Paul Szrama

Sie ist Hessens größter Erzeugerbetrieb in Deutschlands kleinster Weinregion: In der Bergsträsser Winzer eG teilen seit mehr als hundert Jahren rund 400 Familien Wein und Wissen.


In vino veritas – im Wein liegt die Wahrheit, sagt das Sprichwort. Für zahlreiche Winzer entlang der hessischen und badischen Bergstraße hat der Rebensaft eine viel tiefgreifendere Bedeutung. Denn in ihrem Wein liegt nicht nur Heimat, Natur und Qualität, sondern vor allem Gemeinschaft. Es war anno 1904, als auf Initiative des Pfarrers und des Bürgermeisters der „Starkenburger Winzerverein“ im historischen Kurmainzer Amtshof von Heppenheim entstand. Und an diesem Gemeinschaftsgefühl hat sich bis heute, da der Verein längst als Bergsträsser Winzer eG firmiert und seinen 100. Geburtstag schon 14 Jahre hinter sich hat, nichts geändert. „Es ist enorm, was man erreichen kann, wenn viele zusammen für ein Ziel brennen“, sagt Dr. Patrick Staub, stellvertretender Geschäftsführer der Bergsträsser Winzer eG.
An der „strada montana“ der alten Römer hat der Weinbau eine sehr lange Tradition. Denn hier, an den warmen und windgeschützten Süd- und Westhängen des Odenwaldes, fühlen sich die Reben äußerst wohl. Sowohl das milde Klima im Frühlingsgarten Deutschlands, wie die Bergstraße auch genannt wird, ideale Böden sowie Hang- und Steillagen bieten beste Voraussetzungen für hochwertige Weine. „Wir verfolgen einen stark qualitätsorientierten Weinbau und versuchen, jeweils die Terroirs der verschiedenen Einzellagen mit ihren unterschiedlichen Böden herauszuarbeiten“, erläutert Patrick Staub.
Der 34-Jährige stammt aus Rheinland-Pfalz und hat neben dem Wein auch den Genossenschaftsgedanken ein wenig in die Wiege gelegt bekommen. Denn zusätzlich zur Landwirtschaft hat seine Familie nebenbei auch Weinbau be- und die Erträge über eine Genossenschaft vertrieben. Nach dem Weinbau- und Oenologie-Studium in Geisenheim sowie Praktika in Südafrika, Frankreich, den USA und Südtirol hat Patrick Staub dann an der Universität Hohenheim Agribusiness studiert. Hier im Süden Stuttgarts, wo er schließlich promoviert hat, befindet sich auch die Forschungsstelle für Genossenschaftswesen. „Unser Professor Reiner Doluschitz hat uns diesen Bereich schmackhaft gemacht und uns alle sehr für die genossenschaftliche Idee begeistert“, erzählt der Oenologe. Dieses Engagement trug bei ihm doppelt Früchte: Nach dem Studium ging er zunächst zum baden-württembergischen Genossenschaftsverband, bevor er vor zwei Jahren als stellvertretender Geschäftsführer zur Bergsträsser Winzer eG
nach Heppenheim kam.

Meilenstein Viniversum

„Hier ist jeder Tag ein Erlebnis“, sagt der Wein-Experte, der nach dem ruhestandsbedingten Ausscheiden des jetzigen Geschäftsführers Otto Guthier im kommenden Jahr dessen Aufgaben übernehmen wird. 38 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie zahlreiche Aushilfen gehören zum Team der Genossenschaft, ob in der Produktion, der Verwaltung, im Außendienst oder im Barverkauf. „Zudem bringen sich einige Winzerfamilien ehrenamtlich in die Genossenschaft ein. Wir führen zahlreiche Weinfeste und -proben durch, die ohne diese Mithilfe nicht möglich wären“, sagt Patrick Staub.
Nachdem die Genossenschaft in den Anfängen lange Jahre in der mittelalterlichen Innenstadt von Heppenheim ansässig war und der Weinausbau im historischen Amtshof erfolgte, wurde 1959 aufgrund des Wachstums eine neue Kellerei errichtet, die in sieben weiteren Baumaßnahmen sukzessive erweitert wurde. 2014 gab es dann an diesem Ort für die Bergsträsser Winzer etwas ganz Besonderes zu feiern: die Eröffnung der modernen Weinerlebniswelt Viniversum. „Unser Vorsitzender Reinhard Antes sowie unser Geschäftsführer Otto Guthier haben es geschafft, dass sich die Winzergemeinschaft einstimmig zur Realisierung des 5,5 Millionen Euro teuren Projektes entschlossen hat“, berichtet der 34-Jährige. Ein Meilenstein für die Genossenschaft: Im Viniversum werden nicht nur die prozentigen Produkte verkauft und präsentiert, hier wird auch jede Menge Bergsträsser Weinkultur vermittelt. „Besucher haben die Möglichkeit, alle Weine unseres Sortiments zu verkosten und werden dabei durch unser gut geschultes Personal beraten“, so der stellvertretende Geschäftsführer. Es gibt zahlreiche Veranstaltungen, Weinproben und Multimediashows. Zudem ist das Viniversum Ausgangspunkt für Wanderungen über den Weinlehrpfad „Wein & Stein“, der zusammen mit dem Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald errichtet wurde.
Unter der Markenbezeichnung „TERRA Starkenburg“ vermarktet die Genossenschaft verschiedene konzentrierte Premiumweine. Die ausgewählten Rebparzellen für diese Weine sind ertragsreduziert und werden von den Bergsträsser Winzern mit höchstem Qualitätsanspruch bewirtschaftet. Die Rotweine reifen zum Teil über mehrere Jahre in Holzfässern. Eine besondere Leidenschaft hegen die Genossenschaftsmitglieder für die Erzeugung edelsüßer Weine. Über mehrere Winzergenerationen hinweg haben sie Trockenbeerenauslesen und Eisweine erzeugt. „Die besten dieser Weine lagern seit 1959 in unserer Schatzkammer. Zweimal im Jahr stellt unser Kellermeister eine Auswahl dieser Weine einem interessierten Publikum vor“, sagt Patrick Staub.

Vielfach ausgezeichnete Weine

Einige Weine sind im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnet: Bei der „Spirit and Wine Competition“ in London erhielt die Bergsträsser eG 1998 die Auszeichnung „weltbester Eiswein“; zudem führen zahlreiche Weinführer die Winzergenossenschaft unter den Top 100. Und auch bei bestimmten neuen Rebsorten mischen die Bergsträsser Winzer ganz vorne mit: „In den vergangenen Jahren haben wir beispielsweise als einer der ersten Betriebe die Rebsorte Souvignier Gris ausgebaut. Darüber hinaus sind wir aktuell führend im Anbau der historischen Rebsorte Roter Riesling, einem fruchtigen Weißwein aus rötlichen Trauben“, erzählt Patrick Staub.
Aufgrund des enorm schönen Sommers hat die Ernte an den steilen Süd- und Westhängen des Odenwaldes in diesem Jahr früh begonnen, die ersten Trauben wurden bereits im August gekeltert. „Bisher stimmt uns die Qualität der Trauben sehr optimistisch und wir freuen uns besonders auf die anstehende Rotweinernte. Aufgrund des warmen und trockenen Sommers erwarten wir einige Spitzengewächse“, so der stellvertretende Geschäftsführer. Für ihn und das gesamte Team wird der demografische Wandel in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine der größten Herausforderungen werden: „Daher sehe ich die Hauptaufgabe darin, die jüngeren Mitglieder für unseren Gemeinschaftsbetrieb zu gewinnen, denn wir brauchen motivierte Jungwinzer, um das Vermächtnis der vorangegangenen Generationen weiterzuführen.“

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