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Bundesland-Spezial Hamburg

Ein Viertel kommt in die Gänge

Wenn diese zwölf Häuser sprechen könnten! Ihre lange Geschichte birgt so viele Geschichten, die Bände füllen würden. Ein spannendes Kapitel dazu könnte die Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG beisteuern. Gemeinsam mit der Initiative „Komm in die Gänge“ und dem daraus entstandenen Verein Gängeviertel e. V. hat sie den Ausverkauf dieses historisch und kulturell reichen Hamburger Quartiers verhindert und seine Sanierung maßgeblich mit vorangetrieben. Ziel der Genossen ist es, die Häuser auf Dauer zu erhalten und zu verwalten. Ein langer, bislang erfolgreich eingeschlagener Weg.
Die Tinte unter dem Vertrag war längst getrocknet, da besann sich die Stadt Hamburg doch noch eines Besseren. Sie kaufte die zwölf Häuser des Gängeviertels, die sie an den holländischen Investor Hanzevast veräußert hatte, wieder zurück. Letzterer hatte vor, was bereits vielen alten innerstädtischen Arealen widerfahren war: ein Kahlschlag, dem zirka 80 Prozent der geschichtsträchtigen Bausubstanz zum Opfer gefallen wären. Dass aus diesen Plänen doch nichts wurde, ist letztendlich auch der Energie und dem Engagement vieler Kreativer und Interessierter zu verdanken.

Mehr als 200 von ihnen hatten am 22. August 2009 die Häuser im ehemaligen Arbeiterviertel im Herzen Hamburgs über Nacht in Besitz genommen – sie selbst bezeichneten es als „künstlerische Bespielung“: friedlich, medienwirksam und unter den Augen von mehr als 3.000 Besuchern. Ihre Forderung: kompletter Erhalt der historischen Gebäude, mehr Raum für Kunst und Kultur sowie die Schaffung von gemeinsamen Wohn- und Arbeitsstätten für Künstler. Daraus entstand die Initiative „Komm in die Gänge“, die später in dem Verein Gängeviertel e. V.
aufging. Sie entwickelte schließlich ein städtebauliches Entwicklungskonzept, wie man den schmucken, wenn auch recht verfallenen Komplex zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Speckstraße retten könnte. „Beim Zukunftswochenende im April 2010 haben wir unser Konzept dann der Stadt präsentiert und direkt vor Ort gezeigt, was wir uns für jedes einzelne Gebäude vorstellen“, erinnert sich der freischaffende Künstler Till Haupt. Schnell war jedoch klar, dass es für die weiteren Verhandlungen einer Trägerschaft bedarf, die über einen Verein hinausgeht. Verschiedene Modelle wurden durchgespielt, schließlich fiel die Wahl auf eine Genossenschaft.

Prominente Unterstützer
Till Haupt hat die Gründung der Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG im November 2010 gemeinsam mit der heutigen Prokuristin Claudia Pigors vorbereitet, war erster Aufsichtsratsvorsitzender und ist gerade als Vorstand für eine weitere Amtsperiode wiedergewählt worden. 35 Genossen zeichneten seinerzeit Anteile zu je 500 Euro. Heute, knapp neun Jahre später, halten zirka 450 Personen zirka 1.000 Anteile. Unter ihnen sind auch einige prominente Unterstützer, wie zum Beispiel die Hamburger Band Fettes Brot oder auch Christoph Lieben-Seutter. Der Generalintendant der Laeiszhalle und der Elbphilharmonie wirbt für das Viertel und seine eG mit dem Slogan: „Ich bin Kulturgenosse, weil eine Elbphilharmonie allein noch keine Kulturstadt macht.“ Der Intendant gehört einem breiten Unterstützer- und Förderkreis an, der so bunt ist wie das Viertel selbst. „Es gab und gibt in allen Bevölkerungskreisen von links über bürgerschaftlich bis konservativ ein breites Verständnis dafür, dieses Stück Hamburg zu erhalten“, sagt Till Haupt.

Foto: Franziska Holz, Nils Kasiske

Sanierungen schreiten voran
Im Herbst 2013 wurde mit der Sanierung der ersten drei Bauten begonnen. Mittlerweile ist neben dem Kupferdiebehaus und dem Jupihaus auch das Herzstück des Viertels fertig: die Fabrik, in der im 19. Jahrhundert Gürtel und Schnallen gefertigt wurden und um die herum einst das Gros der restlichen Häuser entstand. Im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen wurde das denkmalgeschützte Gebäude zum soziokulturellen Zentrum des Gängeviertels umgebaut und im März 2016 wiedereröffnet. Die Schätzungen der Sanierung betragen zirka 20 Millionen Euro. Ob dies zu halten ist, kann man nach den Erfahrungen der ersten drei Häuser sowie bedingt durch Zeitverzögerungen zurzeit nicht festschreiben. Als nächstes ist nun das Speckhaus an der Reihe. Über die restlichen Häuser verhandelt die Genossenschaft gerade mit der Stadt Hamburg. „Wir sind auf einem guten Weg“, meint Till Haupt.
Mittlerweile ist das Gängeviertel, das von der Unesco als Ort kultureller Vielfalt ausgezeichnet wurde, ein wahrer Magnet. Neben zahlreichen Touristen, von denen viele die von den Bewohnern angebotenen Rundgänge buchen, kommen auch Initiativen und Stadtplanungsbehörden aus dem In- und Ausland, um sich dieses kreative Paradebeispiel für Basisdemokratie an- und vielleicht auch abzuschauen. Und auch die, die gekommen sind, um zu bleiben, sind äußerst vielfältig: Schneider, Lehrer, Künstler, Architekten oder Polsterer sind nur einige der hier vertretenen 50 Berufsgruppen, die in den Gängehäusern eine neue Heimat gefunden haben – privat und/oder auch beruflich. In den Erdgeschossen gibt es einen tragfähigen Nutzungsmix, „der sich stark vom umliegenden Konsumwahn unterscheidet“, so der 48-jährige Künstler und Genossenschaftsvorstand Haupt. Dazu gehören ein Umsonstladen, ein veganes Café und Restaurant oder auch ein „politisch korrekter“ Sexshop, der sogar zu Vorträgen und Workshops einlädt. Zudem gibt es Kooperationen mit Stadtteilschulen, die ihren Unterricht für ein paar Tage ins Viertel verlegen, ein Jugendkongress fand hier schon statt oder auch ein Jazzfestival.
Noch greift die Arbeit des Vereins Gängeviertel e. V. und der Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG ineinander. Ziel ist es jedoch, dass der Verein künftig die „Software“ in Form des sozio-kulturellen Programms federführend übernimmt und die Kulturgenossen die „Hardware“, also die Verwaltung der Gebäude – und das auf lange Sicht. Für Till Haupt steht indes schon jetzt fest: „Wir schreiben ein Stück Hamburg-Geschichte!“


Anja Scheve
www.gaengeviertel-eg.de

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