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Aus dem Verband

„Wir müssen auf einen gemeinsamen Nenner kommen“

Ingo Müller, Geschäftsführer des Deutschen Milchkontors (DMK) (Foto: Sebastian Vollmert)

Lieferbeziehungen, Milchpreiskrise, Kartellamtsverfahren und die Diskussion um gesetzliche Eingriffe. Die Milchwirtschaft durchlebt unruhige Zeiten. GENIAL sprach mit Ingo Müller, CEO der DMK Group, deshalb über die Sektorstrategie.

Ihr Vorschlag für eine Sektorstrategie Milch hat für Furore gesorgt. Worum geht es dabei?
Ingo Müller: Zuerst einmal: Wenn wir bei DMK von Sektorstrategie sprechen, dann sehen wir kein „Papier“, was dann in irgendeiner Schublade liegt. Eine Sektorstrategie ist für uns ein gelebtes gemeinsames Verständnis zu verschiedenen Themen der öffentlichen Diskussion. Nach wie vor muss man festhalten, dass wir als Branche zu vielen wichtigen Themen keine einheitliche Positionierung des Milchsektors vorweisen können. Das erschwert es der Branche, aktiv und mit einer Stimme gegenüber Stakeholdern aus Politik, NGOs, Medien oder Handel die öffentlichen Debatte, Gesetzgebungen und Regulierungen mitzugestalten.
Darüber gibt es aus meiner Sicht keinen Zweifel – das ist aktuell gefühlt jeden Tag spürbar, gleich ob es um Themen wie Umweltschutz, Tierwohl, Digitalisierung, Forschung & Entwicklung, Ernährung oder weitere Zukunftsthemen geht. Andere Branchen machen uns das deutlich vor. Kurz gesagt: Es geht uns vor allem um gemeinsame Positionen und deren gemeinsame Kommunikation. Was eine Sektorstrategie aus unserer Sicht nicht leisten kann: Sie kann keine Mengenbegrenzung im Krisenfall herbeiführen.

Hat sich die Diskussion um die Sektorstrategie erwartungsgemäß entwickelt?
Wir sehen uns in der Debatte als Mitglied in verschiedenen Verbänden, die wir aufgefordert haben, einen solchen Prozess anzuschieben. Die Diskussion um eine solche Strategie ist ja schon angelaufen – das BMEL selbst hat den Gedanken aufgegriffen und auch eingefordert.
Wer hier mit dem Finger auf die angeschobene Sektorstrategie zeigt, der hält sich also im Prinzip auch die Augen zu, um nicht gesehen zu werden. Deswegen sind wir froh, dass sich inzwischen alle Verbände des Themas angenommen haben. Es liegen Papiere dazu vor. Als nächste Schritte müssen diese Papiere jetzt übereinander gelegt werden, um Gemeinsamkeiten und Differenzen auszuloten. Sicher ist auch: Es wird in der Debatte um eine gemeinsame Position Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede geben. Entscheidend ist, dass wir die Gemeinsamkeiten bündeln und damit starten. Nur wenn wir anfangen, branchenweit gemeinsame Positionen im Gespräch mit Handel, Politik und Gesellschaft anzubieten, werden wir Teil der Lösung sein. Ansonsten sind wir in der Wahrnehmung dieser Gesprächspartner immer Teil des Problems.

Was sind Ihre wichtigsten Botschaften an die Politik?
Der Ernährungssektor Milch ist in der deutschen Landwirtschaft der wichtigste und umsatzstärkste Produktionszweig. Im Handel stellen Molkereiprodukte und Käse den drittgrößten Bereich dar. Jeder Bürger kauft im Schnitt mindestens einmal in der Woche Molkereiprodukte. Der Umsatzanteil an Molkereiprodukten in der deutschen Handelslandschaft liegt bei über zehn Prozent. Dieser Bereich hat also enorme Relevanz. Und trotzdem gelingt es den Akteuren nicht, hier auf gemeinsame Nenner zu kommen.
In Gesprächen hören wir immer wieder, dass hier seitens unserer Stakeholder aus Politik und Gesellschaft der klar formulierte Wunsch besteht, eine konsolidierte Haltung zu diversen Themen aus unserer Branche zu bekommen, um diese Position in Debatten besser einbinden zu können. Wir sind in der bisherigen Form als Branche einfach schwach aufgestellt und sprechen mit vielen Stimmen. Bildlich ausgedrückt, kommt so beim Empfänger nur Rauschen an und keine klar formulierte Botschaft.

Welche Bedeutung haben Genossenschaften für die Landwirtschaft?
Eine Genossenschaft ist die beste Unternehmensform für direkte und dauerhafte Mitbestimmung und Förderung der Eigentümer. Sie entscheiden gemeinschaftlich, welcher Kurs in welcher Geschwindigkeit eingeschlagen wird. Dazu ist gute Kommunikation notwendig. Deshalb sind Genossenschaften die transparenteste Unternehmensform. Die steigende Zahl von Mitglieder in Genossenschaften in Deutschland beweist eindrucksvoll: Die Genossenschaft bleibt auch nach 200 Jahren ein echtes Erfolgsmodell.

www.milchwelt.de


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